Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Predigttext 14. So.n.Trin., 5.9.2010 Gö/Volk: Röm 8,12-17

11 Wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.
12 So sind wir nun, liebe Brüder, nicht dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben.
13 Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben.
14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.
15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.
17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
Wir beten: Herr Jesus Christus! Lass den Glauben wachsen unter deinem Wort, und schaffe in uns reiche Frucht der Liebe. Stärke in uns die Hoffnung der Ewigkeit. Amen.

Liebe Gemeinde!
Einige Jahre schon lebten sie zusammen, unverheiratet, binden wollten sie sich beide nicht. Ob es Liebe war? – Nicht immer hatten sie es leicht mit einander, - doch alles in allem führten sie eine glückliche Beziehung, obwohl sie fast 20 Jahre jünger war als er. Dann wurde er krank – und pflegebedürftig. „Hau ab – kratz die Kurve“, riet eine Freundin ihr: „du bist noch jung, du hast dein Leben noch vor dir!“ Doch sie konnte nicht – und wollte nicht, sie blieb bei ihm: „Er war immer gut zu mir, dass ich ihn nun nicht im Stich lasse, das bin ich ihm schuldig.“

Gar nicht selbstverständlich, und aller Ehren wert, wenn jemand in dieser Weise Verantwortung fühlt, sich in die Pflicht genommen weiß und es von Herzen bejaht. Manchmal läuft das auch anders, - da wird dieses Gefühl, verantwortlich zu sein, aufs Übelste ausgenutzt, Menschen werden manipuliert, indem man ihnen einredet, anderen etwas schuldig zu sein, - dann bekommen solche „Opfer“ einen bitteren Beigeschmack.

Aber wie auch immer – jedenfalls bekommen wir eine Ahnung davon, was es heißt, jemandem etwas schuldig zu sein: Es bedeutet Bindung, manchmal auch Zwang. Es bedeutet, dass ich nicht frei über mein Leben verfügen kann, sondern verstrickt bin. Wer etwa der Bank etwas schuldig ist, der kann eben nicht mehr selbst über sein Geld verfügen, kann im schlimmsten Fall alles an die Bank verlieren.
Nun redet Paulus also davon, dem Fleisch etwas schuldig zu sein. Dazu müssen wir zuerst einmal verstehen, was er mit „Fleisch“ meint. Als erstes fallen mir die berühmten „Fleischtöpfe Ägyptens“ ein, und an quälende Frage des Mose: „Woher soll ich Fleisch nehmen, um es all diesem Volk zu geben? Sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch zu essen.“

Da steht das Fleisch für eine Lebensweise, die ganz auf das Materielle ausgerichtet ist, darauf, dass genug zu essen und zu trinken da ist, - also die ganz elementaren Bedürfnisse befriedigt werden. Berthold Brecht hat einmal gesagt: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral, hier könnte man wohl in Anlehnung daran sagen: Erst mal wollen wir wissen, dass wir nicht verhungern, dann können wir uns an der Freiheit freuen, - erst mal wollen wir versorgt sein, und das möglichst nicht mit Brot allein, sondern wenn's geht, ein wenig üppiger.

Fleisch“, - wir bleiben auf der Spur der Bibel. In den Psalmen heißt es: „Gott dachte daran, dass sie Fleisch sind, ein Hauch, der dahinfährt und nicht wiederkommt.“ Hier ist mit Fleisch die Vergänglichkeit unseres Lebens unter dem Gericht Gottes gemeint, - wir haben's vielleicht noch im Ohr aus Jesaja 40: „Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.“ Und auch Johannes 3 gehört noch hierher: „Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.“ Fleisch und Geist sind hier geradezu Gegensätze, der Geist ist das, was von Gott kommt, das Fleisch ist das, was von Gott nichts weiß und auch nichts wissen will.

Nehmen wir diese drei Aspekte von „Fleisch“ zusammen: Die Ausrichtung auf das Irisch-Materielle, die Vergänglichkeit, - und das Abgeschottetsein gegenüber Gott, dann haben wir in etwa das, was Paulus meint, wenn er davon redet, das jemand sein Leben dem Fleisch schuldig ist: es ist ein Leben, das ganz im Irdischen gefangen ist, das blind und taub ist für die Wirklichkeit Gottes, und das letztlich dem Tod geweiht ist. Kennst du Menschen, auf die diese Beschreibung zutrifft? Menschen, deren Leben genau so aussieht? Ich frage das nicht, damit wir auf andere herabsehen! Solches Leben nach dem Fleisch, das kann von jedem von uns immer wieder Besitz ergreifen.
Aber die Folgen sind ernst: Paulus beschreibt das wie eine tragische Verkettung: „Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen.“ Und er kann da sehr persönlich reden, aus eigener Erfahrung, aus eigenem bitteren Erleiden: „Ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.“ Und dann schildert er – höchst dramatisch – diesen Kampf, den er immer wieder mit sich selber kämpft, Fleisch und Geist, Tod und Leben, - und auch wir bleiben von diesem Kampf nicht unbehelligt: „Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben.“

Das sind Worte, die uns in einer sehr aktiven Rolle sehen. Mir fallen da Bilder ein – etwa von der Märtyrerlegende um den Heiligen Georg, wie er den Drachen tötet. Als einen solchen Kampf beschreibt Paulus hier auch unser Leben, und solche Kämpfe, kleiner oder größer, begleiten uns von früh bis spät, - am Sonntag beginnt das manchmal schon mit dem Aufstehen, wenn der Wecker klingelt.

Aber dieser Kampf gegen das Fleisch steht unter einem ganz bestimmten Vorzeichen, dem Vorzeichen von Ostern nämlich. Leider fehlt in unserer Epistel, so wie sie im Gesangbuch abgedruckt ist, dieser Vers, der doch so wichtig ist, weil an ihm alles hängt: „Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.“

Klingt erst mal kompliziert, - meint aber vor allem eins: Zu Ostern ist das Fleisch, ist diese Macht, die das Leben beherrscht und uns dem Tod in die Arme treibt, besiegt. Besiegt durch die Auferweckung Jesu. Und dieser Ostersieg ist kein einmaliges, vergangenes Ereignis. Denn derselbe lebendige und lebendigmachende Geist Gottes wohnt in uns und macht auch uns lebendig. Der Drache ist besiegt! Wir sind nicht mehr dem Fleisch schuldig, dass wir nach dem Fleisch leben, denn was vom Geist geboren ist, das ist Geist – und die vom Geist getrieben sind, die sind Gottes Kinder!

Getrieben vom Geist, - was für eine Vorstellung! Sind wir Getriebene? Sehr unterschiedliche Bilder könnten wir da vor uns sehen: ich sehe die Schweine vor mir, die auf den Lastwagen getrieben wurden, der sie dann zum Schlachthof fährt, - kein schönes Bild, denn es steht für Zwang und Tod. Aber hier geht es ja um ein Bild für das Leben!

Aber ich sehe auch ein Schiff, - ein Segelschiff, dessen Segel sich im Wind blähen. Volle Kraft voraus. Da ächzt keine Rudermannschaft, um das Boot voranzubringen, da dröhnt kein Diesel im Schiffsbauch, - der Wind treibt das Boot vor sich her, - die Kraft erzeugt es nicht selbst, die wird ihm geschenkt. „Getrieben von dem heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet“, schreibt der Apostel Petrus einmal, - und in einem Verhör bekennt er: „Wir können's ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gehört und gesehen haben.“ Und ich denke an ein Gespräch mit unserem Stadtführer am letzen Sonntag bei der „Sozialen Stadtführung“, um die vielen freiwilligen und ehrenamtlichen Helfer in einer schweren und oft unangenehmen Arbeit. Und doch tun sie diesen Dienst in der Gewissheit: Ich bin hier am richtigen Platz, hier werde ich gebraucht, weil diese Menschen mich brauchen, die keine Lobby haben, die sonst kaum jemanden haben, der sich um sie kümmert. Ob die Frau, von der ich eingangs erzählt habe, ihre Entschiedung auch so „getrieben vom Heiligen Geist“ getroffen hat. Ihr Gefühl jedenfalls war nicht Zwang, sondern Dankbarkeit.

Getrieben – und doch frei! „Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“

Bei dem „knechtischen Geist“ - da muss ich immer an „Gollum“ aus „Herr der Ringe“ denken. Diese Kreatur, die unentrinnbar der Macht des Ringes unterworfen ist, immer mehr zu einer Art Kröte mutiert, ein knechtischer, geknechteter, kriecherischer Geist. Dagegen stellt Paulus die „herrliche Freiheit der Kinder Gottes“, die in Gott nicht den unberechenbaren Herrn sehen, vor dem sie im Staube kriechen müssen, um ihn gnädig zu stimmen, sondern den Vater, der seine Kinder so liebt, dass nichts diese Liebe infrage stellen oder gar zerstören kann.

An einem kleinen Wort macht Paulus dies fest: „Abba“, lieber Vater. „Papa“. Das klingt noch freundlicher als das fast majestätische „Vater“ im Vaterunser, aber Luther deutet das ja so: „Auf dass wir getrost und in aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater“. Familiär ist das, ganz nah, ohne Fremdheit, ohne Distanz und ohne Scheu. Die lieben Kinder, die ihren lieben Vater bitten. So dürfen wir beten, - als Gottes Kinder. Als Kinder aber sind wir auch Erben, - das wär noch mal eine Predigt für sich, - „sind wir Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.“ Nur so viel: Unsere Perspektive ist nicht der Tod, - sondern das Leben und die Herrlichkeit Gottes. Und das ist schön. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Verf.: P. St. Förster, Walkemühlenweg 28 b, 37083 Göttingen, 0551 77981 Predigt 5.9.2010.sxw 8