I. Vom Werden der lutherischen Kirche
von Pfarrer Horst Nickisch
Leiter des Praktisch-Theologischen Seminars
der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche
 
Inhaltsverzeichnis:
Jesus Christus, der Herr  
Die Apostel  
Kanon des Alten Testaments  
Glaubensregel  
Kanon des Neuen Testaments  
Das Amt der Kirche  
Staatskirche  
Nizänisches Glaubensbekenntnis  
Gottesdienst  
Kirchenväter 
Christusbekenntnis  
Christianisierung der Germanen. Bonifatius  
Erstarken des Papsttums. Fehlentwicklungen  
Die große Kirchentrennung  
Spätmittelalter  
Martin Luther: Wiederentdeckung des Evangeliums  
Kampf an drei Fronten  
Landeskirchentum  
Das lutherische Bekenntnis  
Die lutherische Orthodoxie  
Unionsbestrebungen  
Erweckungsbewegungen  
"Altlutheraner"  
Lutheraner in Hessen und Sachsen  
Lutheraner in Baden, Hessen, Hannover  
Die drei selbständigen lutherischen Kirchen  
Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche  
Lutherische Schwesterkirchen in USA, Europa und Australien  
Lutherische Kirche im Südlichen Afrika  
Verbindung und Distanz zu den Kirchen der Welt  


 
Die SELBSTÄNDIGE EVANGELISCH-LUTHERISCHE KIRCHE (SELK) steht als Kirche Jesu Christi in der Einheit der einen, heiligen, christlichen und apostolischen Kirche und ihrer Geschichte.
 
Mit Jesus Christus nimmt die christliche Kirche ihren Anfang. Auf Ihn als ihren Ursprung geht letztlich auch die SELK zurück. Sie ist keine Neugründung aus moderner Zeit. Sie nimmt vielmehr auf und setzt fort, was von Anfang her in der Kirche geglaubt, bekannt und gelebt wurde. Sie nimmt für sich in Anspruch: Gottes Heiliger Geist hat die eine, heilige, christliche und apostolische Kirche ins Leben gerufen und bis heute erhalten. Von dieser Christenheit ist die SELK nur ein kleiner Teil, der aber um das rechte Bekenntnis und die Wahrheit geschart ist. Bestimmte Ereignisse und Entscheidungen in der Geschichte der Kirche muß man sich vor Augen halten, wenn man verstehen will, was die SELK geprägt hat und wo sie heute Stellung bezieht.
 
Jesus Christus, der Herr
In Ihm kommt das Heilshandeln Gottes in der Geschichte des Volkes Israel zum Ziel. Durch Ihn ist das Heil der Welt und der Menschen verwirklicht. Bis zu Seinem Wiederkommen in Herrlichkeit regiert Er die Welt und Seine Kirche.
 
Die Apostel
Die von Christus berufenen und bevollmächtigten Apostel  
Kanon des Alten Testaments
Um 100 n. Chr.: Das Judentum schließt die Sammlung der Schriften des Alten Testaments ab; die christliche Kirche übernimmt sie als ihre Heilige Schrift.
 
Glaubensregel
Um 150 n. Chr.: Frühchristliche Bekenntnisse zum Dreieinigen Gott erhalten feste Formulierungen, z. B. im später sogenannten Apostolischen Glaubensbekenntnis. Damit hat die Kirche einen wichtigen Maßstab für das, was der göttlich offenbarte Glaube der Christen ist.
 
Kanon des Neuen Testaments
Um 200 n. Chr.: Die Schriften der Apostel und ihrer Schüler, die auch im gottesdienstlichen Gebrauch stehen, sind gesammelt. Zwar bleiben einzelne Schriften noch umstritten, aber es gibt nun einen Kanon (d. h. eine gültige Norm) für das, was in der Kirche Christi für alle Zeiten als Gottes heilige Selbstmitteilung (Offenbarung) gilt. Die geschichtliche Offenbarung Gottes ist abgeschlossen. Die kanonischen Schriften des Alten und des Neuen Testaments zusammen bilden die Heilige Schrift der christlichen Kirche. Sie ist Gottes Wort: Quelle und Norm aller Lehre und allen Lebens der Kirche.
 
Das Amt der Kirche
Um 200 n. Chr.: Das von Christus gestiftete Amt der Evangeliumsverkündigung und Sakramentsverwaltung nimmt Gestalt an in den Bischöfen, die die Gemeinden leiten. Auf Synoden kommen die Bischöfe zur Wahrung der Lehre und Abweisung der Irrlehre zusammen. Allmählich gewinnt die Kirche Gestalt und Organisation. In Hauptstädten bildet sich das übergeordnete Bischofsamt heraus. Glaubensregel, Kanon des Neuen Testaments und das übergeordnete Bischofsamt sind die drei Säulen der Alten Kirchen, die seit dem Jahre 110 n. Chr. auch "katholisch" (d. h. die Christen in allen Ländern und zu allen Zeiten "umfassend") genannt wird; wo diese drei zusammen sind, da ist die apostolische christliche Kirche.
 
Staatskirche
313 n. Chr.: Unter Kaiser Konstantin wird die bisher nur geduldete, oft grausam verfolgte Kirche "erlaubte Religion", später sogar Staats- und Volkskirche ("Das ganze Volk ist christlich"). Eine Entwicklung beginnt, die bis in unser Jahrhundert reicht, nämlich daß die Kirche oft unter den Einfluß der Staatsmacht gerät.
 
Nizänisches Glaubensbekenntnis
325/381 n. Chr.: Gesamtkirchliche ("oekumenische") Konzilien in Nicäa und Konstantinopel entscheiden aufgrund der biblischen Aussagen in einem feierlichen Glaubensbekenntnis: Jesus Christus ist "eines Wesens mit dem Vater"; der Herr der Heilige Geist "wird mit dem Vater und dem Sohn zugleich angebetet und zugleich geehrt". Damit wird das Bekenntnis zum Einen, Dreieinigen Gott verbindliche, weil biblische Lehre der Kirche.
 
Gottesdienst
Um 400 n. Chr.: Der Gottesdienst der Kirche sowie die christlichen Feste und das Kirchenjahr sind im wesentlichen entwickelt. Zwei Brennpunkte hat der Gottesdienst: Wortverkündigung (mit der Predigt für alle Anwesenden) und Sakramentsfeier (bei der Ungetaufte und Irrgläubige den Gottesdienst verlassen müssen; es bildet sich der "geschlossene Altar" heraus: "Das Heilige den Heiligen").
 
Kirchenväter
Bedeutende theologische Lehrer, die sogenannten "Kirchenväter", beeinflussen die gesamte kirchliche Entwicklung im Osten und Westen – bis ins späte Mittelalter, ja bis hin zu Martin Luther. Unter ihnen ist der Nordafrikaner Augustinus (+ 430) der bedeutendste. Er fußt auf den Lehren des Apostels Paulus. Seine Gedanken kreisen um: Sünde und Gnade, Erbsünde (= totale schuldhafte Verlorenheit der Menschen), Rechtfertigung (= Begnadigung des Sünders), Prädestination (= Vorherbestimmung des Menschen durch Gott), die Sakramente (= von Christus eingesetzte heilige Handlungen der Kirche: "Es kommt das Wort Gottes zum Element und so wird es ein Sakrament"), die Lehre von der Kirche, das Verhältnis von Kirche und Staat.
 
Christusbekenntnis
Wie sich in Jesus Christus die göttliche und die menschliche Natur zueinander verhalten, bleibt für lange Zeit eine umstrittene Frage. 451 n. Chr.: Die Entscheidung des Konzils von Chalcedon wird zur Lehre der Kirche erhoben: "Ein Christus in zwei Naturen: unvermischt, unverwandelt, ungetrennt, ungesondert".

Um diese Zeit entsteht auch das dritte altkirchliche, das Athanasianische Glaubensbekenntnis.
 
Christianisierung der Germanen. Bonifatius
Im Zuge und Nachklang der germanischen "Völkerwanderung" werden (um 500 bis 600 n. Chr.) die Germanenvölker (Franken, Angelsachsen, Goten) für den christlichen Glauben gewonnen. Durch Bonifatius (+ 754 als Märtyrer), den "Apostel der Deutschen", wird die Kirche in Germanien organisiert, der Reichskirche eingegliedert und mit dem kirchlichen Zentrum Westeuropas, Rom, verbunden.

Im Nahen Osten und in Nordafrika beginnt der Islam, alte christliche Gebiete zu überfluten.
 
Erstarken des Papsttums. Fehlentwicklungen
Schwerwiegende Fehlentwicklungen des Mittelalters bahnen sich an:

 
Die große Kirchentrennung
1054 n. Chr.: Nach langem geistigen Auseinanderleben löst sich die abendländische Kirche unter dem Papst von den Kirchen des Ostens. Von nun an ist die Christenheit äußerlich zertrennt; weitere Trennungen werden im Laufe der Kirchengeschichte folgen.
 
Spätmittelalter
1000 – 1500: Die biblische Heilsbotschaft ist in der mittelalterlichen römisch-katholischen Kirche verdeckt: Immer lauter aber wird auch der Ruf nach einer Reformation, also einer Erneuerung und Rückführung der Kirche zu ihren eigentlichen Wurzeln.
 
Martin Luther: Wiederentdeckung des Evangeliums
1483 – 1546: Martin Luthers Wiederentdeckung des biblischen Evangeliums bewirkt eine innere Erneuerung der Kirche. Eine Spaltung will er nicht; er versteht die werdende evangelisch-lutherische Kirche als legitime Fortsetzung der Alten Kirche, als wahrhaft katholisch (= allumfassend, für alle bestimmt). Luther schenkt der Kirche die deutsche Bibel (jeder Laie kann sie lesen), den deutschen Gottesdienst (deutsche Messe, gereinigt von römisch-katholischen Irrtümern), den Großen und Kleinen Katechismus ("der Laien Bibel"), das evangelische Gesangbuch.
 
Die SELK hat die Wurzel ihrer Existenz sowohl in der Alten Kirche als auch in der Reformation Martin Luthers. 
 
Kampf an drei Fronten
Luther und die evangelisch-lutherische Kirche müssen an drei Fronten die reine biblische Lehre verteidigen: 1529 scheitert in Marburg ein Einigungsversuch mit den Reformierten (Zwingli) an unüberbrückbaren Gegensätzen, vor allem in der Abendmahlsfrage (Den reformierten Grundsatz: "Das Endliche kann das Unendliche nicht in sich fassen" verwirft Luther, weil er eine unbiblische Lehre von Christus und vom Abendmahl nach sich zieht). Auch späterhin versuchen immer wieder reformierte Theologen, die lutherische Kirche in dieser Sache zu unterwandern.

1530: Die Lutheraner legen dem Reichstag zu Augsburg ihre Lehre im "Augsburgischen Bekenntnis" vor: es ist ein bewußt oekumenisches Bekenntnis, weil es auf die wahre Kirche ausgerichtet ist, ja sie hervorheben will, auch in der römisch-katholischen Kirche. Dennoch wird das Augsburgische Bekenntnis gegen seine eigene Absicht zum Dokument der erfolgten Trennung von Rom.
 
Landeskirchentum
Ab 1525: Aus der reformatorischen Volksbewegung wird eine staatlich geförderte Bewegung. Es entsteht eine Vielzahl von Landeskirchen, z.T. unterschiedlicher Konfession. Der Augsburger Religionsfriede von 1555 besiegelt schließlich die konfessionelle Spaltung: Die Kirchen Augsburgischen Bekenntnisses werden rechtlich anerkannt. So bleibt es bis ins 19. Jahrhundert. Oberste geistliche Leiter der Landeskirchen sind die Fürsten. Die Untertanen haben in der Regel der Konfession ihres Landesherrn zu folgen. – Von dieser Verbindung von Thron und Altar gehen seit dem 16. Jahrhundert viele Gefahren für die lutherische Kirche aus.
 
Das lutherische Bekenntnis
Eine Kirche braucht eine klare Lehrgrundlage. "Regel und Richtschnur allen Lehrens und Lebens" für die evangelisch-lutherische Kirche ist die Heilige Schrift. Mit großer Einmütigkeit legen die Lutheraner in den Jahren 1529 bis 1577 ihr Bekenntnis zu den aus der Heiligen Schrift genommenen göttlichen Heilswahrheiten dar. Es entstehen nach dem Augsburgischen Bekenntnis: dessen Apologie, Luthers Katechismen und Schmalkaldische Artikel, schließlich die Konkordienformel. 1580 werden diese Bekenntnisschriften im "Konkordienbuch" gesammelt. In ihnen ist die Lehre der lutherischen Kirche zusammengefaßt. Sie bilden die verbindliche, weil aus der Heiligen Schrift abgeleitete Norm für Lehre und Leben der evangelisch-lutherischen Kirche.

Die Pfarrer der SELK werden auf diese Bekenntnisschriften verpflichtet, weil sie die rechte Auslegung der Heiligen Schrift darstellen.
 
Die lutherische Orthodoxie
Auch innerhalb der lutherischen Kirche gab es harte Lehrauseinandersetzungen, besonders wenn unter "lutherischem" Deckmantel calvinistisch-reformierte Lehren verbreitet wurden. Dieses Bestreben dauert bis in die Gegenwart an. Aus der Abwehr von Irrlehren entwickelt sich im Luthertum des 17. Jahrhunderts eine rechtgläubige ("orthodoxe") Theologie, die die Lehr- und Glaubensfragen bis in letzte Einzelheiten zu durchforschen trachtet. Daneben aber blüht echte Herzensfrömmigkeit in einer Fülle von Predigten, Liedern und Gebeten auf. Lutherische Zeugen dieser Zeit sind Heinrich Schütz, Paul Gerhardt, Johann Sebastian Bach.
 
Unionsbestrebungen
Seit dem 17. Jahrhundert versuchen manche Landesherren – zuerst in Preußen, später auch in Hessen und anderen Ländern –, aus staatspolitischen Gründen lutherische und calvinistische Lehre zu mischen und eine neue, eine "unierte" (d. h. vereinigte) Kirche zu schaffen – auf Kosten der Wahrheit und des klaren lutherischen Bekenntnisses. Dabei kommen ihnen die geistigen Strömungen in der Kirche ihrer Zeit entgegen, vor allem der Pietismus und die Aufklärung – der Pietismus mit seiner Betonung der individuellen Frömmigkeit und persönlichen Erfahrung; die Aufklärung, die mit der menschlichen Vernunft die geschichtliche Offenbarung Gottes in der Heiligen Schrift radikal in Frage stellt und das Christentum zu einer Morallehre verwässert. Die lutherische Kirche geht aus all diesen Entwicklungen geschwächt hervor.
 
Erweckungsbewegungen
Zu Anfang des 19. Jahrhunderts erfaßt eine große, bald stark konfessionell geprägte Erweckung viele deutsche Gebiete – als Gegenbewegung gegen Rationalismus ("nur was vernünftig ist, kann man glauben") und kirchlich-gottesdienstlichen Niedergang.

Von solchen lutherischen Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts ist die SELK geprägt; ihre Wurzeln aber reichen tiefer: in die Reformation und die Alte Kirche.
 
Von solchen lutherischen Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts ist die SELK geprägt; ihre Wurzeln aber reichen tiefer: in die Reformation und die Alte Kirche.
 
"Altlutheraner"
1817 – 1830: König Friedrich Wilhelm III. von Preußen setzt der seit 1539 bestehenden lutherischen Kirche in Brandenburg-Preußen ein Ende und schließt sie unter erheblichem staatlichen Druck mit der reformierten Kirche zu einer Union zusammen. Diese Unionskirche läßt hinsichtlich der Lehre vielfältige Meinungen und gegensätzliche Auffassungen gelten.

Bewußt lutherische Kreise widersetzen sich. Es entstehen – unter unerhörten Schwierigkeiten durch staatliche Verfolgungen und Gewaltmaßnahmen – unionsfreie lutherische Gemeinden in Schlesien, Pommern und anderen preußischen Provinzen. Erst 1845 werden diese sog. "Altlutheraner" staatlich geduldet. Sie verstehen sich als die legitime Fortsetzung der ehemaligen preußischen lutherischen Landeskirche und bilden eine selbständige, vom Staat unabhängige, "Evangelisch-lutherische Kirche von Preußen".
 
Lutheraner in Hessen und Sachsen
1817 wird auch in Hessen-Nassau die Union zwischen Lutheranern und Reformierten durchgeführt. Auch hier leisten Lutheraner Widerstand; es entstehen unionsfreie lutherische Gemeinden, die erst 1848 nach erheblichen staatlichen Repressalien toleriert werden. Auch in Sachsen bilden sich "Lutheranervereine", und es entstehen unabhängig von der eigentlich lutherischen Landeskirche bewußt lutherische Gemeinden. Sie kämpfen gegen rationalistische und liberale Theologie und für die Unverfälschtheit der lutherischen Lehre. 1876 erwächst daraus in Sachsen und anderen Staaten (z. B. Hessen-Nassau und Hannover) die später so genannte "Evangelisch-Lutherische Freikirche".
 
 
Lutheraner in Baden, Hessen, Hannover
Auch in Baden, Hessen und Hannover bilden sich selbständige, bekenntnisverpflichtete Gemeinden. In Baden gibt die vom Staat aufgenötigte Union den Anlaß (1821), ebenso in Hessen-Darmstadt (1847) und Kurhessen (1873); in der eigentlich lutherischen Landeskirche Hannovers ist es der Rationalismus und Liberalismus (der jedem Pfarrer freistellt zu verkündigen, was ihm passend erscheint). Diese Gemeinden finden sich zusammen und nennen sich schon damals "Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche".
 
Die drei selbständigen lutherischen Kirchen
Was wollen diese evangelisch-lutherischen Minderheitskirchen? Sie wollen nichts anderes als Lutherische Kirche sein – in Fortsetzung der alten lutherischen Landeskirchen, in Rein-Erhaltung des lutherischen Bekenntnisses und Gottesdienstes. Sie erkämpfen ihre Existenz gegen den damals herrschenden Rationalismus und Liberalismus, gegen Union und Wahrheitsaufweichung durch Glaubensmengerei. Sie führen keine Sonderlehren. Sie verstehen sich eindeutig als Kirche Jesu Christi auf dem Boden der Heiligen Schrift und des lutherischen Bekenntnisses. Daß sie wie "Freikirchen" existieren, haben sie sich nicht selbst gesucht; sie wurden durch staatliche und kirchliche Repressalien dazu genötigt. Von Anfang an treiben sie Mission, denn "Mission ist Sache der Kirche"; sie beteiligen sich an Missionswerken des deutschen Luthertums (Leipziger und Hermannsburger Mission); sie bauen ab 1892 ein eigenes Missionswerk auf (heute "Lutherische Kirchenmission" mit Sitz in Bleckmar bei Celle) und treiben Mission in Südafrika.
 
Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche
Die drei lutherischen Minderheitskirchen finden allmählich zur Lehreinheit, zu Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft. Am 25. Juni 1972 schließen sie sich in der damaligen Bundesrepublik und in Berlin (West) zur jetzigen Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) zusammen. 1975 wird die "Evangelisch-Lutherische Bekenntniskirche" aufgenommen. Nach der deutschen Wiedervereinigung kommt 1991 die "Evangelisch-lutherische (altlutherische) Kirche" in der ehemaligen DDR dazu. – Zur "Evangelisch-Lutherischen Kirche in Baden", die dort aus einer ähnlichen geschichtlichen Entwicklung hervorgegangen ist, steht die SELK in Verbindung.
 
Lutherische Schwesterkirchen in USA, Europa und Australien
Wegen der Drangsalierung durch staatliche und kirchliche Behörden wandern um die Mitte des 19. Jahrhunderts viele bewußte Lutheraner aus Deutschland aus. Sie gründen – zusammen mit anderen europäischen Auswanderern – in Amerika und Australien lutherische Kirchen. – Heute steht die SELK mit der "Lutherischen Kirche – Missouri-Synode" in den USA, mit der "Lutherischen Kirche von Australien", mit der "Evangelisch-Lutherischen Kirche in Brasilien" und anderen Kirchen in kirchlicher Gemeinschaft. Auch in England, Frankreich und Belgien, Dänemark und Finnland gibt es kleine selbständige evangelisch-lutherische Kirchen.
 
Lutherische Kirche im Südlichen Afrika
Aus dem 1892 in Bleckmar (Niedersachsen) gegründeten Missionswerk entstand in Südafrika und Botswana die jetzige selbständige schwarzafrikanische "Lutherische Kirche im Südlichen Afrika". Sie steht unter der Leitung eines eigenen schwarzen Bischofs; die SELK unterstützt sie personell und materiell.
 
Verbindung und Distanz zu den Kirchen der Welt
Entsprechend dem lutherischen Bekenntis, daß die eine, heilige, christliche und apostolische Kirche überall dort lebt, wo das Wort Gottes lauter und rein gepredigt und die Sakramente gemäß der Stiftung Jesu Christi verwaltet werden, sucht die SELK mit solchen Kirchen Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft, die mit ihr eins sind in Lehre und Bekenntnis. Um der biblischen Wahrheit willen aber kann sie mit Kirchen, die anders lehren und handeln, solche Gemeinschaft an Kanzel und Altar nicht haben. Daraus ergibt sich eine Distanz zur Römisch-katholischen Kirche, zu den Reformierten Kirchen, zu den evangelischen Freikirchen, auch zu den evangelischen Landeskirchen Deutschlands und zum Weltrat der Kirchen (Oekumene). Dennoch versteht sich die SELK als in rechter Weise oekumenisch, indem sie die Verbindung sucht zur rechtgläubigen Kirche Jesu Christi aller Zeiten und Orte.

aus: Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK), Eine Informationsschrift, 4. Auflage 1995, Seiten 7 bis 17. Als Buch zu beziehen über die Kirchenleitung der SELK.