I.
Vom Werden der lutherischen Kirche
von
Pfarrer Horst Nickisch
Leiter
des Praktisch-Theologischen Seminars
der
Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche
Inhaltsverzeichnis:
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Die
SELBSTÄNDIGE EVANGELISCH-LUTHERISCHE KIRCHE (SELK) steht als Kirche
Jesu Christi in der Einheit der einen, heiligen, christlichen und apostolischen
Kirche und ihrer Geschichte. |
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Mit
Jesus Christus nimmt die christliche Kirche ihren Anfang. Auf Ihn als ihren
Ursprung geht letztlich auch die SELK zurück. Sie ist keine Neugründung
aus moderner Zeit. Sie nimmt vielmehr auf und setzt fort, was von Anfang
her in der Kirche geglaubt, bekannt und gelebt wurde. Sie nimmt für
sich in Anspruch: Gottes Heiliger Geist hat die eine, heilige, christliche
und apostolische Kirche ins Leben gerufen und bis heute erhalten. Von dieser
Christenheit ist die SELK nur ein kleiner Teil, der aber um das rechte
Bekenntnis und die Wahrheit geschart ist. Bestimmte Ereignisse und Entscheidungen
in der Geschichte der Kirche muß man sich vor Augen halten, wenn
man verstehen will, was die SELK geprägt hat und wo sie heute Stellung
bezieht.
Jesus
Christus, der Herr
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In
Ihm kommt das Heilshandeln Gottes in der Geschichte des Volkes Israel zum
Ziel. Durch Ihn ist das Heil der Welt und der Menschen verwirklicht. Bis
zu Seinem Wiederkommen in Herrlichkeit regiert Er die Welt und Seine Kirche.
Die
Apostel
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Die
von Christus berufenen und bevollmächtigten Apostel
-
setzen
das Werk des Herrn in Seinem Namen und an Seiner Statt fort;
-
sie
missionieren unter Juden und Heiden und gründen christliche Gemeinden;
-
sie
und ihre Schüler schreiben – unter Leitung des Heiligen Geistes –
die Schriften des Neuen Testaments;
-
sie
leiten die Urkirche (zuerst Petrus).
Kanon
des Alten Testaments
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Um
100 n. Chr.: Das Judentum schließt die Sammlung der Schriften des
Alten Testaments ab; die christliche Kirche übernimmt sie als ihre
Heilige Schrift.
Glaubensregel
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Um
150 n. Chr.: Frühchristliche Bekenntnisse zum Dreieinigen Gott erhalten
feste Formulierungen, z. B. im später sogenannten Apostolischen Glaubensbekenntnis.
Damit hat die Kirche einen wichtigen Maßstab für das, was der
göttlich offenbarte Glaube der Christen ist.
Kanon
des Neuen Testaments
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Um
200 n. Chr.: Die Schriften der Apostel und ihrer Schüler, die auch
im gottesdienstlichen Gebrauch stehen, sind gesammelt. Zwar bleiben einzelne
Schriften noch umstritten, aber es gibt nun einen Kanon (d. h. eine gültige
Norm) für das, was in der Kirche Christi für alle Zeiten als
Gottes heilige Selbstmitteilung (Offenbarung) gilt. Die geschichtliche
Offenbarung Gottes ist abgeschlossen. Die kanonischen Schriften des Alten
und des Neuen Testaments zusammen bilden die Heilige Schrift der christlichen
Kirche. Sie ist Gottes Wort: Quelle und Norm aller Lehre und allen Lebens
der Kirche.
Das
Amt der Kirche
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Um
200 n. Chr.: Das von Christus gestiftete Amt der Evangeliumsverkündigung
und Sakramentsverwaltung nimmt Gestalt an in den Bischöfen, die die
Gemeinden leiten. Auf Synoden kommen die Bischöfe zur Wahrung der
Lehre und Abweisung der Irrlehre zusammen. Allmählich gewinnt die
Kirche Gestalt und Organisation. In Hauptstädten bildet sich das übergeordnete
Bischofsamt heraus. Glaubensregel, Kanon des Neuen Testaments und das übergeordnete
Bischofsamt sind die drei Säulen der Alten Kirchen, die seit dem Jahre
110 n. Chr. auch "katholisch" (d. h. die Christen in allen Ländern
und zu allen Zeiten "umfassend") genannt wird; wo diese drei zusammen sind,
da ist die apostolische christliche Kirche.
Staatskirche
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313
n. Chr.: Unter Kaiser Konstantin wird die bisher nur geduldete, oft grausam
verfolgte Kirche "erlaubte Religion", später sogar Staats- und Volkskirche
("Das ganze Volk ist christlich"). Eine Entwicklung beginnt, die bis in
unser Jahrhundert reicht, nämlich daß die Kirche oft unter den
Einfluß der Staatsmacht gerät.
Nizänisches
Glaubensbekenntnis
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325/381
n. Chr.: Gesamtkirchliche ("oekumenische") Konzilien in Nicäa und
Konstantinopel entscheiden aufgrund der biblischen Aussagen in einem feierlichen
Glaubensbekenntnis: Jesus Christus ist "eines Wesens mit dem Vater"; der
Herr der Heilige Geist "wird mit dem Vater und dem Sohn zugleich angebetet
und zugleich geehrt". Damit wird das Bekenntnis zum Einen, Dreieinigen
Gott verbindliche, weil biblische Lehre der Kirche.
Gottesdienst
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Um
400 n. Chr.: Der Gottesdienst der Kirche sowie die christlichen Feste und
das Kirchenjahr sind im wesentlichen entwickelt. Zwei Brennpunkte hat der
Gottesdienst: Wortverkündigung (mit der Predigt für alle Anwesenden)
und Sakramentsfeier (bei der Ungetaufte und Irrgläubige den Gottesdienst
verlassen müssen; es bildet sich der "geschlossene Altar" heraus:
"Das Heilige den Heiligen").
Kirchenväter
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Bedeutende
theologische Lehrer, die sogenannten "Kirchenväter", beeinflussen
die gesamte kirchliche Entwicklung im Osten und Westen – bis ins späte
Mittelalter, ja bis hin zu Martin Luther. Unter ihnen ist der Nordafrikaner
Augustinus (+ 430) der bedeutendste. Er fußt auf den Lehren des Apostels
Paulus. Seine Gedanken kreisen um: Sünde und Gnade, Erbsünde
(= totale schuldhafte Verlorenheit der Menschen), Rechtfertigung (= Begnadigung
des Sünders), Prädestination (= Vorherbestimmung des Menschen
durch Gott), die Sakramente (= von Christus eingesetzte heilige Handlungen
der Kirche: "Es kommt das Wort Gottes zum Element und so wird es ein Sakrament"),
die Lehre von der Kirche, das Verhältnis von Kirche und Staat.
Christusbekenntnis
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Wie
sich in Jesus Christus die göttliche und die menschliche Natur zueinander
verhalten, bleibt für lange Zeit eine umstrittene Frage. 451 n. Chr.:
Die Entscheidung des Konzils von Chalcedon wird zur Lehre der Kirche erhoben:
"Ein Christus in zwei
Naturen: unvermischt, unverwandelt, ungetrennt, ungesondert".
Um
diese Zeit entsteht auch das dritte altkirchliche, das Athanasianische
Glaubensbekenntnis.
Christianisierung
der Germanen. Bonifatius
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Im
Zuge und Nachklang der germanischen "Völkerwanderung" werden (um 500
bis 600 n. Chr.) die Germanenvölker (Franken, Angelsachsen, Goten)
für den christlichen Glauben gewonnen. Durch Bonifatius (+ 754 als
Märtyrer), den "Apostel der Deutschen", wird die Kirche in Germanien
organisiert, der Reichskirche eingegliedert und mit dem kirchlichen Zentrum
Westeuropas, Rom, verbunden.
Im
Nahen Osten und in Nordafrika beginnt der Islam, alte christliche Gebiete
zu überfluten.
Erstarken
des Papsttums. Fehlentwicklungen
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Schwerwiegende
Fehlentwicklungen des Mittelalters bahnen sich an:
-
Das
Papsttum erstarkt; ihm geht es mehr um weltliche Macht als um das Heil
der Menschen;
-
die
Messe (der Gottesdienst) wird als heilbewirkendes Opfer verstanden, das
Menschen darbringen;
-
die
Heiligen werden nicht nur geehrt, sondern als Vermittler des Heils angerufen;
ihre Fürbitte gilt als wichtig;
-
die
Lehre, der Mensch könne an seinem eigenen Heil mitwirken, verdeckt
die biblische Botschaft, daß allein die Gnade Gottes die Erlösung
des Menschen bewirkt.
Die
große Kirchentrennung
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1054
n. Chr.: Nach langem geistigen Auseinanderleben löst sich die abendländische
Kirche unter dem Papst von den Kirchen des Ostens. Von nun an ist die Christenheit
äußerlich zertrennt; weitere Trennungen werden im Laufe der
Kirchengeschichte folgen.
Spätmittelalter
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1000
– 1500: Die biblische Heilsbotschaft ist in der mittelalterlichen römisch-katholischen
Kirche verdeckt:
-
durch
die Lehre, daß die Tradition der Kirche gleichberechtigt neben der
Heiligen Schrift gelte;
-
durch
die Lehre von der obersten Autorität des Papstes und der Konzilien;
-
durch
die Lehre vom heilswirksamen Meßopfer;
-
durch
die Lehre vom Heiligendienst und von der Mitwirkung der Menschen zu ihrem
eigenen Heil aufgrund ihrer guten Werke.
Immer
lauter aber wird auch der Ruf nach einer Reformation, also einer Erneuerung
und Rückführung der Kirche zu ihren eigentlichen Wurzeln.
Martin
Luther: Wiederentdeckung des Evangeliums
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1483
– 1546: Martin Luthers Wiederentdeckung des biblischen Evangeliums bewirkt
eine innere Erneuerung der Kirche. Eine Spaltung will er nicht; er versteht
die werdende evangelisch-lutherische Kirche als legitime Fortsetzung der
Alten Kirche, als wahrhaft katholisch (= allumfassend, für alle bestimmt).
-
Quelle
und Norm der Lehre und des Lebens der Kirche ist ihm die Heilige Schrift.
-
Die
"Rechtfertigung des Sünders vor Gott allein aus Gnade um Christi willen
durch den Glauben" stellt er ins Zentrum;
-
sie
geschieht durch die von Christus eingesetzten Gnadenmittel (Evangeliumsverkündigung,
Lossprechung von der Sünde [Absolution], Sakrament der Taufe und des
Abendmahls).
-
Lutherische
Kirche ist in erster Linie Gottesdienst-Kirche.
Luther
schenkt der Kirche die deutsche Bibel (jeder Laie kann sie lesen), den
deutschen Gottesdienst (deutsche Messe, gereinigt von römisch-katholischen
Irrtümern), den Großen und Kleinen Katechismus ("der Laien Bibel"),
das evangelische Gesangbuch.
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Die
SELK hat die Wurzel ihrer Existenz sowohl in der Alten Kirche als auch
in der Reformation Martin Luthers. |
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Kampf
an drei Fronten
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Luther
und die evangelisch-lutherische Kirche müssen an drei Fronten die
reine biblische Lehre verteidigen:
-
gegenüber
der römisch-katholischen Kirche;
-
gegenüber
enthusiastischen Schwärmern (mit ihrer Behauptung, der Heilige Geist
wirke unmittelbar, ohne Bindung an das biblische Wort Gottes und die Sakramente);
-
gegenüber
dem calvinistisch-reformierten Christentum, das auf Zwingli und Calvin
in der Schweiz zurückgeht.
1529
scheitert in Marburg ein Einigungsversuch mit den Reformierten (Zwingli)
an unüberbrückbaren Gegensätzen, vor allem in der Abendmahlsfrage
(Den reformierten Grundsatz: "Das Endliche kann das Unendliche nicht in
sich fassen" verwirft Luther, weil er eine unbiblische Lehre von Christus
und vom Abendmahl nach sich zieht). Auch späterhin versuchen immer
wieder reformierte Theologen, die lutherische Kirche in dieser Sache zu
unterwandern.
1530:
Die Lutheraner legen dem Reichstag zu Augsburg ihre Lehre im "Augsburgischen
Bekenntnis" vor: es ist ein bewußt oekumenisches Bekenntnis, weil
es auf die wahre Kirche ausgerichtet ist, ja sie hervorheben will, auch
in der römisch-katholischen Kirche. Dennoch wird das Augsburgische
Bekenntnis gegen seine eigene Absicht zum Dokument der erfolgten Trennung
von Rom.
Landeskirchentum
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Ab
1525: Aus der reformatorischen Volksbewegung wird eine staatlich geförderte
Bewegung. Es entsteht eine Vielzahl von Landeskirchen, z.T. unterschiedlicher
Konfession. Der Augsburger Religionsfriede von 1555 besiegelt schließlich
die konfessionelle Spaltung: Die Kirchen Augsburgischen Bekenntnisses werden
rechtlich anerkannt. So bleibt es bis ins 19. Jahrhundert. Oberste geistliche
Leiter der Landeskirchen sind die Fürsten. Die Untertanen haben in
der Regel der Konfession ihres Landesherrn zu folgen. – Von dieser Verbindung
von Thron und Altar gehen seit dem 16. Jahrhundert viele Gefahren für
die lutherische Kirche aus.
Das
lutherische Bekenntnis
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Eine
Kirche braucht eine klare Lehrgrundlage. "Regel und Richtschnur allen Lehrens
und Lebens" für die evangelisch-lutherische Kirche ist die Heilige
Schrift. Mit großer Einmütigkeit legen die Lutheraner in den
Jahren 1529 bis 1577 ihr Bekenntnis zu den aus der Heiligen Schrift genommenen
göttlichen Heilswahrheiten dar. Es entstehen nach dem Augsburgischen
Bekenntnis: dessen Apologie, Luthers Katechismen und Schmalkaldische Artikel,
schließlich die Konkordienformel. 1580 werden diese Bekenntnisschriften
im "Konkordienbuch" gesammelt. In ihnen ist die Lehre der lutherischen
Kirche zusammengefaßt. Sie bilden die verbindliche, weil aus der
Heiligen Schrift abgeleitete Norm für Lehre und Leben der evangelisch-lutherischen
Kirche.
Die
Pfarrer der SELK werden auf diese Bekenntnisschriften verpflichtet, weil
sie die rechte Auslegung der Heiligen Schrift darstellen.
Die
lutherische Orthodoxie
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Auch
innerhalb der lutherischen Kirche gab es harte Lehrauseinandersetzungen,
besonders wenn unter "lutherischem" Deckmantel calvinistisch-reformierte
Lehren verbreitet wurden. Dieses Bestreben dauert bis in die Gegenwart
an. Aus der Abwehr von Irrlehren entwickelt sich im Luthertum des 17. Jahrhunderts
eine rechtgläubige ("orthodoxe") Theologie, die die Lehr- und Glaubensfragen
bis in letzte Einzelheiten zu durchforschen trachtet. Daneben aber blüht
echte Herzensfrömmigkeit in einer Fülle von Predigten, Liedern
und Gebeten auf. Lutherische Zeugen dieser Zeit sind Heinrich Schütz,
Paul Gerhardt, Johann Sebastian Bach.
Unionsbestrebungen
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Seit
dem 17. Jahrhundert versuchen manche Landesherren – zuerst in Preußen,
später auch in Hessen und anderen Ländern –, aus staatspolitischen
Gründen lutherische und calvinistische Lehre zu mischen und eine neue,
eine "unierte" (d. h. vereinigte) Kirche zu schaffen – auf Kosten der Wahrheit
und des klaren lutherischen Bekenntnisses. Dabei kommen ihnen die geistigen
Strömungen in der Kirche ihrer Zeit entgegen, vor allem der Pietismus
und die Aufklärung – der Pietismus mit seiner Betonung der individuellen
Frömmigkeit und persönlichen Erfahrung; die Aufklärung,
die mit der menschlichen Vernunft die geschichtliche Offenbarung Gottes
in der Heiligen Schrift radikal in Frage stellt und das Christentum zu
einer Morallehre verwässert. Die lutherische Kirche geht aus all diesen
Entwicklungen geschwächt hervor.
Erweckungsbewegungen
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Zu Anfang des 19. Jahrhunderts
erfaßt eine große, bald stark konfessionell geprägte Erweckung
viele deutsche Gebiete – als Gegenbewegung gegen Rationalismus ("nur was
vernünftig ist, kann man glauben") und kirchlich-gottesdienstlichen
Niedergang.
Von solchen lutherischen
Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts ist die SELK geprägt; ihre
Wurzeln aber reichen tiefer: in die Reformation und die Alte Kirche.
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Von
solchen lutherischen Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts ist die
SELK geprägt; ihre Wurzeln aber reichen tiefer: in die Reformation
und die Alte Kirche. |
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"Altlutheraner"
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1817 – 1830: König
Friedrich Wilhelm III. von Preußen setzt der seit 1539 bestehenden
lutherischen Kirche in Brandenburg-Preußen ein Ende und schließt
sie unter erheblichem staatlichen Druck mit der reformierten Kirche zu
einer Union zusammen. Diese Unionskirche läßt hinsichtlich der
Lehre vielfältige Meinungen und gegensätzliche Auffassungen gelten.
Bewußt lutherische
Kreise widersetzen sich. Es entstehen – unter unerhörten Schwierigkeiten
durch staatliche Verfolgungen und Gewaltmaßnahmen – unionsfreie lutherische
Gemeinden in Schlesien, Pommern und anderen preußischen Provinzen.
Erst 1845 werden diese sog. "Altlutheraner" staatlich geduldet. Sie verstehen
sich als die legitime Fortsetzung der ehemaligen preußischen lutherischen
Landeskirche und bilden eine selbständige, vom Staat unabhängige,
"Evangelisch-lutherische Kirche von Preußen".
Lutheraner
in Hessen und Sachsen
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1817 wird auch in Hessen-Nassau
die Union zwischen Lutheranern und Reformierten durchgeführt. Auch
hier leisten Lutheraner Widerstand; es entstehen unionsfreie lutherische
Gemeinden, die erst 1848 nach erheblichen staatlichen Repressalien toleriert
werden. Auch in Sachsen bilden sich "Lutheranervereine", und es entstehen
unabhängig von der eigentlich lutherischen Landeskirche bewußt
lutherische Gemeinden. Sie kämpfen gegen rationalistische und liberale
Theologie und für die Unverfälschtheit der lutherischen Lehre.
1876 erwächst daraus in Sachsen und anderen Staaten (z. B. Hessen-Nassau
und Hannover) die später so genannte "Evangelisch-Lutherische
Freikirche".
Lutheraner
in Baden, Hessen, Hannover
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Auch in Baden, Hessen
und Hannover bilden sich selbständige, bekenntnisverpflichtete Gemeinden.
In Baden gibt die vom Staat aufgenötigte Union den Anlaß (1821),
ebenso in Hessen-Darmstadt (1847) und Kurhessen (1873); in der eigentlich
lutherischen Landeskirche Hannovers ist es der Rationalismus und Liberalismus
(der jedem Pfarrer freistellt zu verkündigen, was ihm passend erscheint).
Diese Gemeinden finden sich zusammen und nennen sich schon damals "Selbständige
Evangelisch-Lutherische Kirche".
Die
drei selbständigen lutherischen Kirchen
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Was wollen diese evangelisch-lutherischen
Minderheitskirchen? Sie wollen nichts anderes als Lutherische Kirche sein
– in Fortsetzung der alten lutherischen Landeskirchen, in Rein-Erhaltung
des lutherischen Bekenntnisses und Gottesdienstes. Sie erkämpfen ihre
Existenz gegen den damals herrschenden Rationalismus und Liberalismus,
gegen Union und Wahrheitsaufweichung durch Glaubensmengerei. Sie führen
keine Sonderlehren. Sie verstehen sich eindeutig als Kirche Jesu Christi
auf dem Boden der Heiligen Schrift und des lutherischen Bekenntnisses.
Daß sie wie "Freikirchen" existieren, haben sie sich nicht selbst
gesucht; sie wurden durch staatliche und kirchliche Repressalien dazu genötigt.
Von Anfang an treiben sie Mission, denn "Mission ist Sache der Kirche";
sie beteiligen sich an Missionswerken des deutschen Luthertums (Leipziger
und Hermannsburger Mission); sie bauen ab 1892 ein eigenes Missionswerk
auf (heute "Lutherische Kirchenmission" mit Sitz in Bleckmar bei Celle)
und treiben Mission in Südafrika.
Selbständige
Evangelisch-Lutherische Kirche
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Die drei lutherischen
Minderheitskirchen finden allmählich zur Lehreinheit, zu Kanzel- und
Abendmahlsgemeinschaft. Am 25. Juni 1972 schließen sie sich in der
damaligen Bundesrepublik und in Berlin (West) zur jetzigen Selbständigen
Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) zusammen. 1975 wird die "Evangelisch-Lutherische
Bekenntniskirche" aufgenommen. Nach der deutschen Wiedervereinigung kommt
1991 die "Evangelisch-lutherische (altlutherische) Kirche" in der ehemaligen
DDR dazu. – Zur "Evangelisch-Lutherischen Kirche in Baden", die dort aus
einer ähnlichen geschichtlichen Entwicklung hervorgegangen ist, steht
die SELK in Verbindung.
Lutherische
Schwesterkirchen in USA, Europa und Australien
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Wegen der Drangsalierung
durch staatliche und kirchliche Behörden wandern um die Mitte des
19. Jahrhunderts viele bewußte Lutheraner aus Deutschland aus. Sie
gründen – zusammen mit anderen europäischen Auswanderern – in
Amerika und Australien lutherische Kirchen. – Heute steht die SELK mit
der "Lutherischen Kirche – Missouri-Synode" in den USA, mit der "Lutherischen
Kirche von Australien", mit der "Evangelisch-Lutherischen Kirche in Brasilien"
und anderen Kirchen in kirchlicher Gemeinschaft. Auch in England, Frankreich
und Belgien, Dänemark und Finnland gibt es kleine selbständige
evangelisch-lutherische Kirchen.
Lutherische
Kirche im Südlichen Afrika
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Aus dem 1892 in Bleckmar
(Niedersachsen) gegründeten Missionswerk entstand in Südafrika
und Botswana die jetzige selbständige schwarzafrikanische "Lutherische
Kirche im Südlichen Afrika". Sie steht unter der Leitung eines eigenen
schwarzen Bischofs; die SELK unterstützt sie personell und materiell.
Verbindung
und Distanz zu den Kirchen der Welt
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Entsprechend dem lutherischen
Bekenntis, daß die eine, heilige, christliche und apostolische Kirche
überall dort lebt, wo das Wort Gottes lauter und rein gepredigt und
die Sakramente gemäß der Stiftung Jesu Christi verwaltet werden,
sucht die SELK mit solchen Kirchen Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft,
die mit ihr eins sind in Lehre und Bekenntnis. Um der biblischen Wahrheit
willen aber kann sie mit Kirchen, die anders lehren und handeln, solche
Gemeinschaft an Kanzel und Altar nicht haben. Daraus ergibt sich eine Distanz
zur Römisch-katholischen Kirche, zu den Reformierten Kirchen, zu den
evangelischen Freikirchen, auch zu den evangelischen Landeskirchen Deutschlands
und zum Weltrat der Kirchen (Oekumene). Dennoch versteht sich die SELK
als in rechter Weise oekumenisch, indem sie die Verbindung sucht zur rechtgläubigen
Kirche Jesu Christi aller Zeiten und Orte.
aus: Die Selbständige
Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK), Eine Informationsschrift, 4. Auflage
1995, Seiten 7 bis 17. Als Buch zu beziehen über die Kirchenleitung
der SELK.