II.
Von Glauben und Lehre der lutherischen Kirche
von
Bischof Dr. theol. Jobst Schöne, D.D.
Bischof
em. der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche
Inhaltsverzeichnis
1.
Der Dreieinige Gott
|
Viele
Gottesvorstellungen
|
Die
Gottesvorstellungen der Menschen sind vielfältig und widersprüchlich.
Sie reichen vom primitiven Ahnenkult über den Viel-Götter-Glauben
bis zur Idee eines einzigen Gottes ("Monotheismus" in den sog. Hochreligionen)
oder zur Vergötzung des Menschen als des "Maßes aller Dinge".
...
aber nur ein Gott
|
Diese
vielfältigen Vorstellungen als gleichberechtigt gelten zu lassen oder
auf einen angeblich gemeinsamen Kern zu reduzieren, verbietet die Offenbarung
(d. h. Selbstmitteilung) des einzigen, lebendigen Gottes, den die Christenheit
bekennt. Er hat gesprochen. Was er von sich mitgeteilt hat, ist aufgezeichnet
in der Heiligen Schrift.
In
dieser Urkunde werden alle anderen, widersprechenden Gottesvorstellungen
als Menschenwerk verworfen. Ob man will oder nicht, hier muß man
sich entscheiden: ob man einem selbstfabrizierten Bild von Gott folgen
will oder dem, was ER von sich mitteilt.
Gottes
Selbstmitteilung
|
Gott
erschließt sich uns nicht vollständig. Vieles an ihm bleibt
rätselhaft. Er ist für den Menschen unerforschlich und läßt
sich nie völlig einfangen in unsere Überlegungen, Gedanken und
Aussagen. Aber deshalb muß man vor der Frage nach Gott nicht kapitulieren.
Er selbst gibt Auskunft über sich in der Bibel. Was wir von ihm wissen,
ist zusammengefaßt in dem Glaubensbekenntnis der Christenheit. Das
Glaubensbekenntnis
Danach
haben wir es zu tun
-
mit
nur einem, dem einzigen Gott;
-
mit
einem Gott, der in sich eins, doch in dreifacher Gestalt ("Person") dem
Menschen gegenübertritt (Dreieinigkeit).
Das
erste, was von diesem Gott zu bekennen ist, steht im ersten Satz der Bibel:
"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde". Es existiert also nichts, was nicht
aus seiner Hand hervorgegangen wäre, bis hin zu meinem eigenen Leben.
In seiner Allmacht hat er alles ins Dasein gerufen und erhält es.
Er ist allgegenwärtig und allwissend.
Das
zweite, was von diesem Gott zu bekennen ist, ist seine Liebe zu den Menschen.
Um die Menschen zu sich zurückzuführen, ist Gott selbst Mensch
geworden. Das geschah nur einmal, zu bestimmter Zeit (vor fast 2000 Jahren),
an bestimmtem Ort (in Bethlehem von der Jungfrau Maria geboren). Der Mensch
gewordene Gott, Jesus Christus, ist des Menschen Erlöser geworden
durch seinen Opfertod am Kreuz und seine leibhaftige Auferstehung von den
Toten. Menschwerdung, Tod und Auferstehung Jesu Christi sind geschichtliche
Ereignisse, keine Phantasien; es gab dafür Augenzeugen. Daß
sich in Jesus Christus Gottheit und Menschheit vereinen (gleichsam wie
Eisen und Feuer in glühendem Stahl) und dieser Gottessohn sich für
uns kreuzigen ließ und aus dem Grabe auferstand, ist das Herzstück
allen Christenglaubens.
Das
dritte, was von diesem Gott zu bekennen ist, ist seine Absicht, den Menschen
unverlierbar an sich zu binden. Dazu legt er durch sein Wort und Sakrament
etwas von sich in den Menschen hinein, das diesen umzuwandeln vermag: den
Heiligen Geist. Der weckt den Glauben, das Vertrauen auf Gott, läßt
den Menschen seine wahre Lage vor Gott, seine Schuld erkennen, zieht ihn
zu Christus und rettet ihn aus der Sünde; er holt ihn in die Gemeinschaft
der Christen, die Kirche, und wird ihn nach dem Tode zum ewigen Leben erwecken.
Der
unwandelbare Glaube
|
Wer
dieses Bekenntnis zum Dreieinigen Gott aufgibt, verleugnet oder ersetzt,
hat den Boden verlassen, auf dem die christliche Kirche steht. Wer es für
eine Erfindung von Menschen ausgibt, hat übersehen, daß Gott
selbst bezeugt und verbürgt, was das Bekenntnis von ihm aussagt. Jeder
Satz des Glaubensbekenntnisses läßt sich aus der Heiligen Schrift
belegen, hinter jeder Aussage steht Gott selbst. Man könnte das Bekenntnis
wohl in andere Worte fassen, aber die Sache selbst steht unwandelbar fest.
Gegen
diesen Glauben ist zu allen Zeiten protestiert worden, innerhalb und außerhalb
der Kirche. Eine gefährliche Spielart dieses Protestes ist heute die
stillschweigende Leugnung der Existenz Gottes – man tut, als gäbe
es IHN nicht. Aber Gott ist nicht dadurch auszulöschen, daß
er sich nicht nach menschlichen Maßstäben begreifen und erklären
läßt. Von Christus läßt man dann wohl noch das große
Vorbild gelten, das uns anleitet, herausfordert, antreibt. Aber er erlöst
und befreit nicht mehr. Das Gebet hat sich dann erledigt. Das Heil wird
schließlich in der Weltverbesserung gesehen. Und der Mensch rückt
auf an die Stelle Gottes, wird zum Maßstab aller Dinge, zum Götzen,
dem man alle Fähigkeiten und alle Macht zuschreibt. Die Geschichte
des Atheismus ist die Geschichte dieser Vergötzung des Menschen. Man
findet heute solche Auffassungen nicht nur außerhalb der Kirche,
sondern mitten in ihr. Dem kann nur gewehrt werden, wenn die Wahrheit über
Gott und über den Menschen unverfälscht verkündet wird.
2.
Der Mensch vor Gott
|
Die
Wahrheit über den Menschen
|
Wahrheit
ist oft schwer zu ertragen. Deshalb greift der Mensch zur Lüge. Er
belügt sich selbst, z. B. indem er sich einredet, daß er von
Natur gut sei, edel, anständig, rein, gerecht. Er ist es nicht. Vielleicht
steckt in vielen, die sich auf diese Weise belügen, eine Ahnung davon,
daß der Mensch gut sein sollte. Gott wollte den Menschen
gerecht, rein und heilig, wie er selbst ist: er schuf ihn zu seinem Ebenbild.
Dieses Bild ist längst verzerrt und verfälscht. So hoch der Mensch
über allen anderen Geschöpfen steht, so sehr seine Würde
höher ist als die jeder anderen Kreatur – er bleibt doch unendlich
tief unter Gott, ja mehr noch: er ist von Gott abgefallen.
Der
Mensch – ein Sünder
|
Der
Mensch ist blind geworden für seinen Schöpfer; er ist wie gelähmt,
unfähig, den Weg zu Gott zu gehen; er ist taub für Gottes Stimme;
er ist von der Sünde (d. h. der Absonderung und Abwendung von Gott)
befallen wie von einem Aussatz. Da gibt es keine Heilung aus eigenen Kräften.
Der Mensch bleibt gottlos und ein heilloser Egoist, nur auf sich bezogen
– es sei denn, Gott griffe in sein Leben ein.
Die
Rettung des Sünders
|
Wenn
die Evangelien berichten, daß Christus an Blinden, Lahmen und Tauben
seine göttliche Macht erwies und sie heilte, dann bilden sie damit
gleichnishaft die Lage jedes Menschen vor Gott ab, auch unsere eigene Lage,
und stellen uns zugleich den einzig möglichen Retter vor Augen: Nur
Christus vermag uns zu erlösen. Er bezahlte stellvertretend mit seinem
Leben unsere Schuld vor Gott; denn Sünde ist nicht nur Verhängnis
und "Schicksal", sondern immer zugleich auch eigene, persönliche Schuld.
Christus
schenkt uns durch sein Wort und die Sakramente Vergebung, Erlösung
und ewiges Leben. Niemand kann sich das Heil selbst erwerben und zusprechen.
Man muß es wie ein Bettler annehmen als freies, unverdientes Geschenk
Gottes.
Dennoch
bleiben die Folgen der Sünde und können uns hart treffen: Wir
müssen vielfältiges Leid ertragen, die Vergänglichkeit unseres
irdischen Lebens erfahren, sterben. Aber für den Getauften, der Christus
sein Vertrauen schenkt, wird der Tod zum Durchgang in ein neues Leben.
Auswirkungen
der Sünde
|
Indem
die Heilige Schrift alle Menschen ohne Ausnahme als Sünder entlarvt,
d. h. in ihrem innersten Wesen als zum Bösen geneigt und von Gott
getrennt (sie mögen noch so ehrbar und anständig leben), redet
sie realistisch und wahrhaftig. Die Heilige Schrift bestreitet damit zugleich,
daß sich jemals unter Menschen, in der Familie, der Gesellschaft,
dem Staat und in allen Ordnungen und Systemen menschlichen Zusammenlebens
das Böse ausrotten läßt durch menschliche Anstrengung oder
natürliche Entwicklung. Paradiesische Zustände lassen sich auch
nicht durch Veränderung der Gesellschaft herbeiführen. Die angeborene
Selbstsucht des Menschen und seine "normale" Gottlosigkeit machen einen
Strich durch diese Rechnung.
Es
sind nicht die Verhältnisse, die den Menschen erst böse machen.
Vielmehr kommen böse Verhältnisse, Ungerechtigkeiten, Unterdrückung,
Ausbeutung, Krieg und alles Unrecht aus der Bosheit, die im Menschen wurzelt.
Und Sünde steckt nicht primär in den sogenannten "ungerechten
Strukturen" menschlichen Zusammenlebens, sondern in jedem Menschen selber.
Darum helfen gegen das Böse im Menschen nicht Programme für die
Verbesserung der Welt, so nützlich sie sonst auch sein können.
Den Menschen verändert nur das Eingreifen Gottes. Wie es erfolgt,
zeigt der folgende Abschnitt.
3.
Christi Wirken in Wort und Sakrament
|
Gott
will dem Menschen, der sich von ihm entfernt hat, nahekommen. Er tut es
nicht direkt, unverhüllt – weil das ein sündiger Mensch nicht
ertragen könnte. Gott kommt vielmehr verhüllt, eingekleidet –
-
indem
er Mensch wird – in Jesus Christus;
-
indem
er im Menschenwort zu uns redet – in der Heiligen Schrift;
-
indem
er Menschen an sich bindet – durch die heiligen Sakramente.
Das
Wort Gottes, das uns in der Heiligen Schrift gegeben ist, und die Sakramente
(= heilige Handlungen), die Christus gestiftet hat, sind Gnadenmittel;
durch sie wendet sich der Dreieinige Gott uns zu, um in uns den Glauben
an ihn zu entzünden und uns durch seine Gnade das Heil für Leib
und Seele zu schenken.
Die
Heilige Schrift
|
In
der Heiligen Schrift hat Gott sich uns zu erkennen gegeben durch das Wort
von Menschen, die er zu seinen Botschaftern bestellt hat. So ist Gottes
Geist der Urheber der Heiligen Schrift. Folglich gilt uns dieses Buch in
allen seinen Teilen als Gottes eigenes offenbartes Wort, als Stimme Gottes
an alle Menschen aller Jahrhunderte, Kulturen, Rassen und Sprachen. Wir
haben dem Wort der Bibel mit Ehrfurcht zu begegnen; denn hier ist Gott
zu finden.
Auch
wenn die Heilige Schrift uneingeschränkt Gottes Wort ist – heute nicht
weniger als früher –, so sind doch nicht alle ihre Teile gleichwertig.
Als Niederschlag einer geschichtlichen Bewegung, eines langen Weges Gottes
mit den Menschen, läuft die Verkündigung der Bibel auf eine Mitte
zu: Jesus Christus. Die Bücher des Alten Testamentes sind Wegbereitung
auf Christus hin, das Neue Testament bezeugt ihn und sein Werk.
Solche
Stücke der Bibel, in denen uns Gott als der Fordernde und Richtende
entgegentritt ("Gesetz" genannt), lassen uns erkennen, daß wir als
Sünder und Schuldige vor ihm stehen. Da aber, wo uns in der Botschaft
vom Leben und Werk Jesu Christi Gottes Liebe zum Sünder und sein Erbarmen
mit dem Schuldiggewordenen gezeigt wird ("Evangelium" genannt), finden
wir Vergebung und Rettung. An die Heilige Schrift als die Urkunde der Offenbarung
(= Selbstmitteilung) Gottes ist die Kirche in aller ihrer Lehre und Verkündigung
und in allen ihren Lebensäußerungen gebunden. Bibel und Gottesdienst
gehören untrennbar zusammen. Die Bibel soll gehört, gelesen und
gebetet werden.
Die
heilige Taufe
|
Die
Taufe ist nicht in unser Belieben gestellt, sondern ist uns feierlich von
Gott geboten. In der heiligen Taufe gewinnt der Täufling Anteil am
Sterben und Auferstehen Christi. Er wird dadurch "wiedergeboren" zu einem
Gotteskind und als Glied dem Leibe Christi, der Kirche, eingefügt.
Christus
selbst ist der Täufer, der sich menschlicher "Handlanger" bedient.
Er hat die Taufe eingesetzt, als er sie an sich selbst vollziehen ließ
und als er seine Apostel mit ihrer Spendung beauftragte. Wenn wir taufen,
folgen wir dem Befehl Jesu Christi.
In
der Taufe ist Gott der eigentlich Handelnde und nicht der Mensch. Gott
allein gibt, wir Menschen empfangen nur. Darum ist die Kindertaufe berechtigt
und nötig. Bei der Kindertaufe zeigt sich besonders deutlich, daß
die Taufe wirklich ein Sakrament, also ein Handeln Gottes ist. Ohne Zutun
und Wissen des Kindes schenkt Gott ihm seine Gnade. Niemand kann Gottes
Gnade empfangen, wenn er sie nicht als reines Geschenk annimmt. Gottes
Gebot und Verheißung, mit der Taufe verknüpft, gilt allen Menschen,
auch den unmündigen Kindern. Denn auch ein Kind hat die Reinigung
und Erneuerung nötig, die die Taufe ihm bringt. Es ist unlöslich
verkettet mit dem Gesamtschicksal des menschlichen Geschlechts. Es bringt
ein Erbe von manchen guten Gaben und vielen Schwächen mit. Es trägt
aber auch ein Erbe von Schuld, längst ehe es selbst bewußt Sünde
tun kann oder die Sünde anderer sieht. Es steht mit der ganzen Menschheit
diesseits der großen Kluft, die sich durch den Sündenfall zwischen
Gott und der Welt aufgetan hat und die nur Gott überbrücken kann.
Darum
sollen Eltern nicht säumen, ihr Kind zur heiligen Taufe zu bringen.
Christus, der Herr, will es reinwaschen von aller mitgebrachten Schuld
und ihm die Unschuld wiedergeben (das findet z. B. in dem weißen
Taufkleid sein Sinnbild). Er will das Licht des Glaubens in dem Täufling
entzünden (wie es die Taufkerze andeutet).
Die
Taufe wird in einem Gottesdienst vor der ganzen Gemeinde oder als besondere
Handlung vollzogen. Dabei wird der Täufling mit Wasser übergossen,
gleichzeitig werden die Taufworte gesprochen: "Ich taufe dich im Namen
des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes". So hat es Christus
selbst gewollt. In Notfällen (bei Lebensgefahr) kann jeder Christ
die Taufe spenden, nicht nur ein Pfarrer.
Die
heilige Taufe hat ihre Bedeutung nicht nur am Tauftage selbst, sondern
das ganze Leben hindurch. Wer als Getaufter leben will, muß immer
wieder das Böse in sich überwinden lernen und sich durch Christus
ein neues Leben schenken lassen. Eltern und Paten sind Helfer und Fürbitter
für den Täufling. Um ihre Aufgabe wahrnehmen zu können,
müssen sie selber bewußte Christen sein. Keinem soll die Taufe
verwehrt sein, wenn sie ernstlich begehrt und eine christliche Erziehung
bzw. eine christliche Lebensführung glaubhaft zugesagt wird. Wo diese
Zusage nicht gegeben werden kann, muß die Taufe aufgeschoben werden.
Beichte
und Lossprechung
|
Weil
auch der Getaufte in Sünde zurückfällt, bedarf er der Vergebung
und Erneuerung – man könnte sagen: der Rückkehr in seine Taufe,
die ihn vor Gott rein und schuldlos gemacht hatte. Dazu dient die Beichte.
Weil
Christus seinen Aposteln die Vollmacht übertragen hat, die Sünden
zu vergeben, und diese Vollmacht in der Kirche weitergegeben ist, kann
in der Beichte die Vergebung der Sünden dem einzelnen zugeprochen
werden. Die Lossprechung (Absolution) ist die Hauptsache in der Beichte.
Sie geschieht nach dem Bekenntnis der Sünde (in der Einzelbeichte
oder in der Gemeinsamen Beichte) unter Handauflegung.
Zur
Aufzählung aller begangenen unrechten Taten, Worte und Gedanken wird
niemand gedrängt. Wohl aber soll der Beichtende sein Leben überprüfen,
sich als Sünder erkennen, seine Sünde bereuen, die Vergebung
begehren und seinem Glauben an die ihm zugesprochene Vergebung Ausdruck
geben.
Will
er begangene Sünden namentlich nennen und sich davon "erleichtern",
kann er das in der Einzelbeichte tun. Was dem Beichtiger (Beichtvater)
gesagt wird, steht unter dem "Beichtsiegel", d. h. der Beichtiger ist zu
absoluter Verschwiegenheit verpflichtet.
Die
erteilte Vergebung ist wirksam und gültig, weil sie in Gottes Namen
und im Auftrag Christi zugesprochen wird. Diese Gültigkeit ist nicht
an Bedingungen (wie etwa die Ableistung bestimmter Werke) gebunden. Wo
aber Erkenntnis der Sünde, Reue und Glauben fehlen, darf der Diener
Christi von seiner Vollmacht zur Vergebung keinen Gebrauch machen. Hier
gilt es zu warten, bis Gott selbst zur Einsicht führt.
Das
heilige Abendmahl
|
Im
Mahl des Herrn, erstmals von Christus und seinen Aposteln gefeiert am Abend
vor seiner Kreuzigung (daher "Abendmahl"), nach Christi Befehl von der
Kirche beständig wiederholt, erlangen die Abendmahlsgäste Anteil
am Leib und Blut Christi. Brot und Wein, die wir bereitstellen, werden
von Christus gesegnet mit den Worten: "Das ist mein Leib, das ist mein
Blut".
Unter
diesen Worten ereignet sich ein Wunder, das rational nicht zu erfassen
ist. Leib und Blut des Gekreuzigten und Auferstandenen verbinden sich mit
Brot und Wein; so kommt die himmlische Gabe zu uns und gewährleistet
Vergebung und Leben, Heil an Leib und Seele. Wie ein glühendes Eisen
zugleich ganz Eisen und ganz Feuer ist, so ist das, was auf dem Altar gegenwärtig
ist und uns gereicht wird, zugleich Brot und Leib Christi, Wein und Blut
Christi.
Diese
Gegenwart des Leibes und Blutes Christi, eingehüllt in Brot und Wein,
hebt an, wenn die Worte der Einsetzung laut werden. Sie gilt mit Gewißheit
für die Dauer der Feier; danach soll alles verzehrt werden, was etwa
übrigbleibt, um die unbeantwortbaren Fragen (was denn nach der Feier
noch im Brot und Wein zurückbleibe vom Leib und Blut des Herrn) abzuschneiden.
Wer
das Sakrament des Altars zum Segen empfangen will, muß Vertrauen
in Gottes Allmacht mitbringen und Vertrauen in seinen Willen, uns auf solche
Weise nahezukommen. Er empfängt so die denkbar engste Verbindung mit
Christus und mit allen, die gleich ihm an diesem Mahle teilhaben. Seine
Sünde wird vergeben, der Glaube gestärkt; Christus nimmt in ihm
Wohnung und verbindet alle, die seinen Leib und sein Blut in sich aufnehmen,
zu einer Gemeinde; Leben und Seligkeit wird uns eingeflößt.
So wird uns das Sakrament zur Arznei gegen den Tod. Der Sakramentsempfang
kann sich auswirken bis ins Leibliche hinein.
Es
gibt "würdige" und "unwürdige" Gäste am Altar. Wo der Glaube
fehlt, wo man deshalb meint, nur Brot und Wein zu genießen, und wo
man das Angebot der Vergebung der Sünden nicht ernst nimmt, versündigt
man sich und empfängt das Sakrament zum Unheil. Deshalb warnt die
Kirche vor unwürdigem Empfang aus Fürsorge und Verantwortung!
Sie lädt aber dringend ein, sich zu Christus und seiner Gabe zu bekennen
und sich nicht vom Sakrament auszuschließen, vielmehr in fröhlichem
Vertrauen diese heilige Speise immer wieder zu empfangen, sooft es möglich
ist. Das darf und soll ein lutherischer Christ an jedem Altar tun, wo der
Einsetzung Christi gemäß gehandelt wird und alles ausgeschlossen
ist, was dieser Einsetzung widerspricht. Er bereitet sich auf den Gang
zum Altar u. a. durch die Beichte vor.
Was
aber widerspricht der Einsetzung Christi? Allem voran die Leugnung oder
Vernebelung der wahren und wirklichen Gegenwart von Leib und Blut Christi
in Brot und Wein. Da wird der Herr selbst geschmäht. Denn er hat kein
bloßes Symbol gestiftet, kein Mahl ohne wirkliche Speise. Das klare
und eindeutige Bekenntnis zur wahren Gegenwart von Leib und Blut Christi
in Brot und Wein ist deshalb unerläßlich. Unaufgebbar ist auch,
daß man bei den von Christus gebrauchten Elementen, nämlich
Brot und Wein, bleibt und sie nicht durch andere ersetzt. Denn wir sind
nicht Herren über Christi Stiftung. Auf Alkoholkranke soll Rücksicht
genommen werden, aber nicht durch Ersatz der von Christus bestimmten Elemente.
Bei
dem heiligen Mahl sind wir nur die Empfangenden. Von unserer Seite wird
nichts dazu getan; das heilige Abendmahl ist keine "Opferhandlung", in
der wir Gott etwas anbieten. Auch ein verstümmeltes Sakrament (wenn
z. B. der gesegnete Kelch der Gemeinde vorenthalten wird) würde die
Einsetzung Christi verletzen.
Weil
es in der Christenheit heute viel Unklarheit über das Sakrament des
Altars gibt, kann es in einer Kirche, die den Willen Christi nach der Heiligen
Schrift ernst nimmt, nicht ohne Abgrenzungen abgehen. Wer das Bekenntnis
zur Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im Altarsakrament nicht teilen
kann und sich zu der Kirche, die das Evangelium unverfälscht verkündet,
nicht bekennen will, sollte zurückstehen. Denn Gemeinschaft am Altar
setzt gemeinsamen Glauben und gemeinsames Bekenntnis voraus.
Das
Amt der Kirche
|
Seine
Gnadenmittel zu verwalten, hat Christus seine Apostel berufen. Sie haben
diesen Aiiftrag weitergegeben. So wird dies Amt auch heute noch übertragen
auf Männer, die Gott berufen und die die Kirche für ihre Aufgaben
ausgebildet hat. Die Ordination, d. h. die feierliche Übertragung
des Hirtenamtes der Kirche, verleiht die Vollmacht zur Spendung der Sakramente,
zur Absolution, zur öffentlichen Wortverkündigung und zum Segen.
Gemäß der Heiligen Schrift kann Frauen dieses Amt nicht übertragen
werden. Wo dies dennoch getan wird, besteht nicht mehr die Gewißheit,
im Sinne Christi zu handeln.
Das
Hirtenamt ist nicht zum Herrschen über die Gemeinde, sondern zum Dienen
an Christi Statt und in seiner Nachfolge bestimmt. Der Amtsträger
ist an die Gemeinde gewiesen, die Gemeinde an ihren Hirten. Zusammen erfüllen
sie den Auftrag Christi, seinen Leib, die Kirche, zu bauen. Der Gemeinde
soll die Fürbitte für die Diener der Kirche wichtig sein.
4.
Die Kirche Gottes
|
Wo
die Kirche anfängt
|
Um
Menschen zu retten, hat Christus seine Kirche gestiftet. Das beginnt mit
der Berufung der Apostel. Die Kirche wurzelt im alten Gottesvolk Israel;
aber mit der Taufe des ersten Heiden wird diese ethnische Grenze gesprengt.
Die Kirche ist das neue Gottesvolk aus allen Völkern und Sprachen,
Rassen und Kulturen. Christus ist Herr und Haupt der Kirche; sie ist sein
Leib, dessen Glieder im Glauben und in der Liebe miteinander verbunden
sind. Die Kirche ist unterwegs hin zur ewigen Heimat bei Gott. Die Generationen
vor uns sind schon am Ziel, wir selbst noch auf der Wanderung; die nach
uns kommen, sollen unseren Spuren folgen. Uns voran und mit uns geht Christus,
der bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende.
Wer
zur Kirche gehört
|
Nach
Christi Willen ist die Taufe der Eingang in die Kirche und der Glaube das
Band, das alle ihre Glieder zusammenhält und mit Christus verbindet.
So deutlich daher die Kirche eine reale, sichtbare Gemeinschaft in dieser
Welt ist, so unmöglich ist es andererseits für Menschen, letztgültig
zu bestimmen, wer in der Kirche steht und wer außerhalb.
Denn den Glauben oder Unglauben, an dem sich das entscheidet, kann
man nicht sehen und messen. Wer zwar getauft ist, aber den Glauben verliert
und sich so von dem Dreieinigen Gott abwendet, wird zu einem "toten Glied"
am Leibe Christi, der Kirche.
Wozu
die Kirche da ist
|
Die
Kirche ist zu keinem anderen Zweck da, als das Heil, das Gott schenken
will, zu verkündigen und auszuteilen in Wort und Sakrament. Sie soll
Menschen zu Gott führen, sie soll Gott loben und preisen. Die Kirche
hat ihre Aufgabe verfehlt und ist zum Zerrbild wahrer Kirche geworden,
wenn sie anderen Zwecken dient oder dienstbar gemacht wird – also wo sie
politische Ziele verfolgt, wo sie machthungrig wird, wo sie mit Weltverbesserungsplänen
anderen, politischen Gruppierungen Konkurrenz macht, wo sie sich als Institution
zur Kulturpflege versteht oder als Sprechsaal menschlicher Meinungen und
Ideen, wo sie Modeströmungen nachgibt und sich der öffentlichen
Meinung anpaßt. Sie soll hingegen furchtlos und ohne Abstriche aussprechen,
was Gott ihr als seine Wahrheit anvertraut hat. Wer könnte das sonst
als die Kirche? Das schließt freilich nicht aus, sondern vielmehr
ein, daß die Kirche auch alle Ungerechtigkeit, Lüge und Unterdrückung
öffentlich anprangern darf und muß. Darin liegt ihre "politische
Aufgabe" – nicht in politischer Parteinahme und Schulmeisterei gegenüber
denen, die in Staat und Gesellschaft Verantwortung tragen. Denn die Kirche
ist auf diesem Felde auch nicht klüger, als andere es sind. Vor einem
aber hat sich die Kirche besonders zu hüten: daß sie sich mit
irgendeiner Macht verbündet, um ihre Ziele durchzusetzen.
Kirche
im Streit
|
Die
Wahrheit, die Christus seiner Kirche zu bewahren und zu verkündigen
aufgetragen hat, ist allezeit hart umkämpft gewesen. In der Kirche
ist viel darüber gestritten worden. In diesen Streit hat sich auch
sehr viel menschliches Versagen, Mißverstehen, Unrecht und Sünde
eingemischt. Das darf kein Christ beschönigen oder vergessen. Aber
wer hier Vorwürfe gegen "die Kirche" erhebt, soll auch die Ursachen
erforschen und sehen, wie leicht Menschen sich irren können. In allen
solchen Fällen, wo Christen großes und mitunter blutiges Unrecht
begangen haben, hatten nicht Christus und das Evangelium über die
Herzen der Menschen gesiegt, sondern Satan, der Widersacher Gottes. Denn
die Kirche ist kein Raum, aus dem das Böse ausgesperrt wäre,
und ihre Glieder sind nicht vollkommen.
Die
eine Kirche und die vielen Kirchen
|
Sichtbare
Folge des Streites um die Wahrheit ist die Spaltung der Kirche, die Trennung
in viele Konfessionen, Kirchen und Gruppen. Aber diese Spaltung hebt die
Einheit nicht auf. So paradox es klingt: Weil es nur einen Christus
gibt, gibt es nur eine Kirche, ein Volk Gottes, trotz aller
Trennungen. Denn in allen Konfessionen wirkt und handelt der eine Christus
und der eine Heilige Geist, wo immer das Wort Gottes und die Sakramente
etwas ausrichten. Und deshalb leben dort Christen, die im Glauben mit Christus
zu einem Leib verbunden sind. In diesem Sinne ist die Einheit der
Kirche nicht von den Menschen erst herzustellen, sondern schon vorhanden.
Freilich soll diese Einheit auch erkennbar werden. Dazu muß man Trennungen
überwinden und abbauen – nicht auf Kosten der Wahrheit, sondern in
der Wahrheit und durch die Wahrheit.
Muß
Spaltung sein?
|
Zu
den Spaltungen haben fraglos auch Rechthaberei, Mißverstehen und
Haß sehr viel beigetragen. In erster Linie aber lag und liegt die
Ursache im Abweichen von dem Wort und der Weisung Gottes. "Schwer ist es,
daß man von soviel Landen und Leuten sich trennen ... will. Aber
hier stehet Gottes Befehl, daß jedermann sich soll hüten und
nicht mit denen einhellig sein, so unrechte Lehre führen ...", schrieb
Melanchthon 1537 (Tractatus). Er hat recht. Aber er konnte sich damit trösten,
"daß bei uns nichts – weder in der Lehre noch in kirchlichen Ordnungen
(urspr.: Zeremonien) – eingeführt worden ist, das entweder der Heiligen
Schrift oder der allgemeinen christlichen Kirche entgegensteht. Denn es
ist allgemein und öffentlich bekannt, daß wir mit größter
Anstrengung und mit Gottes Hilfe – ohne uns rühmen zu wollen – verhütet
haben, daß ja keine neue und gottlose Lehre in unsere Gemeinden (urspr.:
Kirchen) eindringe, in ihnen einreiße und überhandnehme". (Augsburgisches
Bekenntnis, Beschluß) Bei aller schmerzlichen Trennung ging und geht
es darum, die Wahrheit vom Irrtum, die falsche Verkündigung und Lehre
von der rechten biblischen Botschaft zu unterscheiden.
Evangelisch-Lutherische
Kirche
|
Auch
mit der Reformation sollte keine neue Kirche gegründet werden. Man
wollte nur der Wahrheit gehorsam sein und die bestehende Kirche zur Wahrheit
zurückführen. Aber was man nicht wollte, blieb dennoch unumgänglich:
nur in einer eigenen, nämlich der evangelisch-lutherischen Kirche
konnte die erkannte Wahrheit in Geltung bleiben und zur Auswirkung kommen.
Auch
heute hat die lutherische Kirche den Auftrag, innerhalb der gesamten Christenheit
für die Wahrheit und Geltung der Heiligen Schrift einzustehen. Die
"Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche", als Teil der lutherischen
Kirche in aller Welt, will nichts anderes, als diesen Auftrag erfüllen
helfen. Sie sieht sich dabei in Übereinstimmung mit der rechtgläubigen
Christenheit aller Jahrhunderte. Sie will nur fortsetzen und heute aussprechen,
was schon in der alten Kirche geglaubt und gelehrt wurde. Ihr Bekenntnis,
also ihre Lehrund Glaubensaussagen, führt sie nicht für sich
allein, sondern will es anderen Christen als wahr und schriftgemäß
bezeugen und vorleben. Sie kennt keine Sonderlehren; das unterscheidet
sie deutlich von allen Sekten.
Christen
anderer Konfessionen sind gewiß vielfach frömmer, eifriger,
bußfertiger. Aber diese Einsicht entbindet nicht von der Pflicht,
für die Wahrheit unbeirrbar einzutreten. Deshalb stellt die lutherische
Kirche an andere Kirchen ihre Fragen.
Die
römisch-katholische Kirche
|
Die
römisch-katholische Kirche hat sich stets als die Kirche angesehen,
die in ungebrochener Kontinuität zu Christus und den Aposteln die
wahre Gestalt der Kirche verkörpert. Diesen Anspruch können wir
nicht anerkennen, sondern müssen fragen:
-
ob
in ihr, der römischen Kirche, ganz und allein die Heilige Schrift
gilt – oder ob nicht menschliche Überlieferungen (Traditionen) das
Wort Gottes überlagert haben;
-
ob
in ihr festgehalten wird, daß nach Gottes Wort der Mensch allein
aus Gnade, um Christi willen, durch den Glauben und also ganz ohne eigenes
Verdienst das Heil erlangt – oder ob nicht des Menschen vermeintliche Mitwirkung
zum Heil das Verdienst Christi schmälert;
-
ob
nicht mit dem Sakrament des Altars so umgegangen wird, als sei es eine
Opfergabe des Menschen an Gott und nicht ausschließlich Gottes Gabe
an uns;
-
ob
nicht durch die Kelchentziehung (Laien empfangen im allgemeinen nicht das
Blut Christi) das Sakrament verstümmelt wird;
-
ob
nicht der Rang, der den Heiligen (und besonders der Jungfrau Maria) als
Fürbitter und Vermittler der Gnade zugemessen wird, mit der Stellung
Christi als alleinigem Mittler des Heils unvereinbar ist;
-
ob
Amt und Anspruch des Papstes von der Heiligen Schrift her zu rechtfertigen
sind.
Kein
Zweifel, seit dem II. Vatikanischen Konzil ist in der römisch-katholischen
Kirche vieles abgebaut worden, was die Reformatoren im 16. Jahrhundert
zum Widerspruch nötigte. Wie sollten wir uns dessen nicht freuen?
Viele römisch-katholische Theologen werden uns erklären, ihre
Kirche habe in den oben angeführten Fragen eine andere Stellung bezogen.
Aber man wird auch nicht leugnen können, daß uns noch vieles
trennt. Und nicht zuletzt sind viele neue Irrtümer aus dem protestantischen
Raum in die römische Kirche eingedrungen.
Die
reformierten Kirchen
|
Die
reformierten Kirchen (auch "presbyterianische" Kirchen genannt) gehen auf
das Wirken Zwinglis und Calvins im 16. Jahrhundert zurück. Sie vertreten
zwar gemeinsame Grundüberzeugungen, haben aber kein solch gemeinsames
Bekenntnis wie die lutherischen Kirchen und sind deshalb stets offen gewesen
für Kirchenunionen, in die sie ihre Glaubensüberzeugungen einzubringen
bemüht waren. Die reformierten Kirchen sind zum Mutterboden fast aller
Sekten geworden.
In
Deutschland ist es zwar nicht zu großen reformierten Kirchenbildungen
gekommen, wohl aber haben die reformierten Kirchen sich gern als "evangelisch"
bezeichnet und die Landeskirchen, auch die lutherischen, stark unterwandert
und beeinflußt. Die lutherische Kirche muß diese reformierten
Kirchen fragen:
-
ob
sie nicht in Gefahr stehen, die menschliche Vernunft zum Maßstab
dessen zu machen, was aus der Heiligen Schrift für uns verbindlich
ist (Zwingli erklärte: "Gott gibt uns nichts zu glauben auf, was wir
nicht zu fassen vermögen" – ein fundamentaler Irrtum);
-
ob
sie die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus voll bezeugen (Calvin vertrat
den Grundsatz: "Das Endliche kann nicht Gefäß des Unendlichen
sein" – das klingt "vernünftig", ist aber falsch);
-
ob
sie die konkrete Gegenwart Christi in den Gnadenmitteln der Kirche, Wort
und Sakrament, gelten lassen oder nicht vielmehr in Gefahr stehen, die
Gegenwart Christi zu verflüchtigen, zu "spiritualisieren";
-
ob
nicht die Bindung des Heiligen Geistes an Wort und Sakrament bei ihnen
aufgegeben worden ist, so daß die Gnadenmittel entleert werden;
-
ob
sie nicht die sündliche Verlorenheit des Menschen verharmlosen (Leugnung
der Erbsünde) und so ein falsches Bild vom Menschen zeichnen;
-
ob
sie nicht von daher der heiligen Taufe die Wirkung absprechen, die ihr
nach der Heiligen Schrift zukommt, und die Heilsnotwendigkeit der Taufe
leugnen (keine Nottaufe bei Lebensgefahr);
-
ob
sie nicht das heilige Abendmahl lediglich bildlich-symbolisch, als Gedächtnismahl
und als Gemeinschaftsmahl verstehen (aber ein "Bild von einem gedeckten
Tisch" macht keinen Hungrigen satt);
-
ob
in ihnen noch wirksame Lossprechung von den Sünden geübt wird;
-
ob
sie das Hirtenamt der Kirche von der Berufung der Apostel herleiten oder
ihre Pastoren nur als Beauftragte der Gemeinde sehen;
-
ob
sie das Evangelium als Botschaft von der Gnade verstehen, die uns geschenkt
wird und frei macht, oder ob nicht bei ihnen daraus ein neues "Gesetz"
geworden ist, das Pflichten auferlegt und Forderungen stellt.
Die
unierten Kirchen
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Die
unierten Kirchen sind im vorigen Jahrhundert aus der (meist zwangsweisen)
Vereinigung von reformierten und lutherischen Kirchen entstanden. Sie haben
die lutherische Kirche weithin aufgesogen und bestimmen heute vorwiegend
das Bild des Protestantismus in den deutschen Landeskirchen. Ihnen gegenüber
müssen wir fragen:
-
ob
nicht Wahrheit und Irrtum in ihnen gleichberechtigt gelten, so daß
Klarheit in Lehre und Glauben fast vollständig verloren gegangen sind;
-
ob
sie es verantworten können, Menschen in Fragen des Glaubens in Unsicherheit
und Ungewißheit zu lassen;
-
ob
es dem Willen Christi entspricht, daß seine Kirche – statt das Evangelium
einmütig zu bezeugen – in ein Chaos von Meinungen und Richtungen zerfällt;
-
ob
sie nicht die wahre, von Gott gewollte Einigkeit in seiner Kirche zugunsten
einer vordergründigen, nur organisatorischen Einheit preisgegeben
haben;
-
ob
nicht in ihnen lutherischer, d. h. allein an die Heilige Schrift gebundener
Glaube erlöschen muß, weil er nicht mehr abwehren kann, was
ihm widerspricht.
Die
lutherischen Landeskirchen
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Seit
1947 haben die lutherischen Landeskirchen in Deutschland mit den unierten
und reformierten Kirchen die sogenannte "Evangelische Kirche in Deutschland"
(EKD) gebildet. Daraus ist eine so enge Verflechtung entstanden, daß
im öffentlichen Bewußtsein die tiefgreifenden Gegensätze
fast völlig eingeebnet worden sind; man ist eben "evangelisch", weiter
sieht man nicht mehr. Hier müssen wir fragen:
-
ob
nicht der Anspruch, mit den anderen Landeskirchen zusammen die "Volkskirche"
zu bilden, praktisch die Bindung an das überkommene lutherische Bekenntnis
weithin außer Kraft gesetzt hat;
-
ob
nicht das lutherische Bekenntnis zur "lutherischen Tradition" (gleichsam
zu einer Art regionalem Brauchtum) relativiert worden ist;
-
ob
diese Kirchen noch die Kraft haben, Irrlehre und Verfälschung des
Wortes Gottes von den Kanzeln, Altären und Lehrstühlen fernzuhalten;
-
ob
nicht der Versuch, die Gegensätze zu verschleiern und mit Kompromißformeln
(z. B. der "Leuenberger Konkordie") konfessionsverschiedene Kirchen in
Gemeinschaft zu bringen, eine Preisgabe des Auftrags bedeutet, den die
lutherische Kirche in der Christenheit hat: "einträchtig, nach reinem
Verstande" das Evangelium zu bezeugen.
Dabei
soll nicht verkannt werden, daß in den lutherischen Landeskirchen
auch Bestrebungen vorhanden sind, die Geltung des Bekenntnisses gegenüber
hergebrachten wie modernen Verirrungen aufrecht zu erhalten.
Oekumenische
Bewegung
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Was
an kritischen Fragen hier gegen die reformierten, unierten und lutherischen
Landeskirchen vorgebracht worden ist, muß auch auf die sogenannte
"Oekumenische Bewegung" bezogen werden, die im "Weitrat der Kirchen" ihre
Organisationsform gefunden hat. Nivellierungstendenzen, vordergründiges
Überspielen der bitteren Trennungen in der Christenheit, Reduzierung
des Glaubensinhaltes auf ein Minimum, Ablösung des Bekenntnisses durch
Weltverbesserungsprogramme und ein Aktionismus, bei dem es bis zu gefährlicher
Rechtfertigung von Gewaltanwendung um "christlicher" Ziele willen gehen
kann – das sind Vorwürfe, die heute von vielen Seiten und nicht nur
von lutherischen Christen gegen diese Organisation erhoben werden. Diese
Kritik will nicht das Bestreben herabsetzen, die Trennungen in der Christenheit
zu überwinden. Wer die eine, heilige Kirche liebt, muß unter
ihrer Zerrissenheit und Verderbnis leiden. Er wird sich aber immer freuen
über alles Bestreben, das die Einigkeit in der Wahrheit sucht, an
der Heiligen Schrift sich ausrichtet und dem Bekenntnis zu Christus Geltung
verschaffen will.
Die
Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche
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Die
"Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche" stellt ihre Fragen an
andere Kirchen nicht aus Freude an der Trennung oder weil sie das große
Ärgernis der Spaltung verharmlosen will. Auch weiß sie sehr
wohl, daß sie setbst weder unfehlbar noch vollkommen ist. Sie muß
gewiß in ihrer eigenen Mitte noch viel mehr Bereitschaft entwickeln,
von allem echten geistlichen Leben in anderen Teilen der Christenheit zu
lernen, sich über alles Gemeinsame zu freuen, größere Liebe
zu üben (auch gegen die, die von ihr getrennt sind), eifriger zu beten,
in der eigenen Kirche zu bessern, was nicht in Ordnung ist. Daß sie
aber für die Wahrheit einstehen will gegen den Irrtum und deshalb
nicht Einheit der Christenheit um jeden Preis sucht, sondern Einigkeit
in der Wahrheit erstrebt, dafür sollte sie niemand schelten.
5.
Die Vollendung
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Alle
Kirchen, alle Christen, alle Menschen gehen der Vollendung, die Gott will,
entgegen. Aber diese Vollendung, das Heil, kommt nicht aus der Welt, es
kommt in die Welt: wenn Gott das Böse endgültig entmachtet
und "einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt"
(2. Petrus 3,13) heraufführt.
Wer
der Meinung ist, die Welt entwickle sich von selbst zu immer größerer
Vollkommenheit, der Fortschritt zum Guten gehe unaufhörlich voran,
übersieht die Zeichen der Zeit. Vielmehr haben wir uns auf vier Ereignisse
einzustellen, auf die wir mit jedem Tag und jeder Stunde näher zugehen.
Die
Wiederkunft Christi
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Gott
hat den Zeitpunkt bestimmt, da Christus sichtbar vor aller Welt und in
Herrlichkeit wiedererscheinen wird. Keiner kann berechnen, wann das sein
wird. Aber die Christenheit hat dafür bereit zu sein.
Die
Auferstehung der Toten
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Nicht
auf eine irgendwie geartete "Unsterblichkeit der Seele", nicht auf eine
Fortsetzung irdischer Lebensweise ins Unendliche hinein hoffen die Christen,
sondern sie warten auf die Auferweckung der Toten zu einem verwandelten
leiblichen Dasein, auf "das Leben der zukünftigen Welt". Darum ist
für den, der an Christus glaubt, der Tod kein Auslöschen, keine
Zerstörung des Lebens; er schläft bis zur Auferstehung zum ewigen
Leben, bewahrt in Gottes Hand.
Das
"Jüngste Gericht"
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Bei
seiner Wiederkunft wird Christus alle Menschen ohne Ausnahme, Lebende und
Tote, vor seinen Richterstuhl rufen. Sein Urteil wird auf unwiderrufliche
Trennung von Gott oder unwiderrufliche Gemeinschaft mit Gott lauten, Verdammnis
oder Seligkeit, "Hölle" oder "Himmel". Eine dritte Möglichkeit
gibt es nicht. Entscheidend für dieses Urteil wird sein, wie der Mensch
in seinem Erdenleben zu Christus stand: Wer an den Sohn Gottes glaubt und
ihm vertraut, hat das ewige Leben; wer nicht glaubt, holt sich den ewigen
Tod. Aus den Werken der Liebe, die aus Glauben getan oder aus Unglauben
nicht getan wurden, wird der richtende Christus die Rechtmäßigkeit
seines Urteils begründen. Jedoch nicht unsere Werke erwerben uns Gottes
Gnade, sondern allein das Opfer Christi rettet uns.
Eine
neue Welt
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Die
Heilige Schrift deutet an, daß eine neue Erde und ein neuer Himmel
auf uns warten. Hier kommt zum Abschluß, was zu Ostern mit der Auferstehung
Christi begann: das Böse wird keinen Raum mehr haben, die Erlösten
werden selig sein in der Gemeinschaft mit Gott und seiner unaufhörlichen
Anbetung. In einer neuen Leiblichkeit, die die Herrlichkeit Christi widerspiegelt,
werden sie frei sein von Sünde, Leid und Tod, erfüllt von Liebe
und Frieden. Alles, was über die Vollendung der Welt zu sagen ist,
entzieht sich letztlich menschlicher Erfahrung, Vorstellungskraft und Aussagefähigkeit.
Hier kann nur nachbuchstabiert werden, was die Heilige Schrift uns vorspricht
als Gottes eigene Botschaft.
aus: Die Selbständige
Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK), Eine Informationsschrift, 4. Auflage
1995, Seiten 19 bis 39. Als Buch zu beziehen über die Kirchenleitung
der SELK.