IV. Vom Leben der Christen
von Pfarrer Ralph Bente
weiland Vorsitzender der Liturgischen Kommission
der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche

Inhaltsverzeichnis
 
1. Der Christ zwischen Gut und Böse 
    Gerecht und Sünder zugleich 
    Die Maßstäbe des Gehorsams 
2. Der Christ in der Entscheidung 
    Christ und Staat 
    Christ und Gesetzgebung 
    Christ und Wirtschaft 
    Christ und Politik 
    Christ und Gewalt 
    Christ und Beruf 
    Der Christ in Ehe und Familie 
    Vergebung 
3. Der Christ in der Gemeinde 



 
1. Der Christ zwischen Gut und Böse
 
Gerecht und Sünder zugleich
Wenn man den Menschen nach dem beurteilt, wie er sich gibt und wie er handelt, stellt man bei ihm schnell ein ganz zwiespältiges Wesen fest: Er kann ein "guter Mensch" sein, anständig, hilfsbereit, aufopfernd – und dennoch kann unter der Decke der Rechtschaffenheit etwas anderes mehr oder minder stark hervorbrechen: Egoismus, Bosheit, ja Brutalität.

Die Heilige Schrift sieht die Ursache darin, daß der Mensch sich von Gott abgewandt hat, daß er "Sünder" ist. Böse Gedanken, Worte und Taten, die "Sünden", sind nichts anderes als Folge der Grund-"Sünde", in die jeder Mensch hineingeboren ist (Erbsünde).

Durch Gesetz und Moral können die groben Ausbrüche menschlicher Sündhaftigkeit einigermaßen unterdrückt und zurückgehalten werden; aber von der Sünde selbst kann sich kein Mensch erlösen. Gott allein kann erlösen. Dazu hat er seinen Sohn geopfert. Um Christi willen reißt er den Sünder durch die Taufe aus der Sünde. Er macht ihn gerecht und nimmt ihn als sein Kind an. Die Taufe ist die Geburt des neuen Menschen. Im Glauben ergreift der Christ die geschenkte Gerechtigkeit. Dennoch bleibt der Christ, solange er auf Erden lebt, ein Sünder; er ist "gerecht und Sünder zugleich" (Luther). Er hat die Möglichkeit, unter die Herrschaft des Bösen zurückzufallen. Aber er ist auch ein neuer Mensch; das erweist er dadurch, daß er gegen die Sünde kämpft und in der täglichen Entscheidung zwischen Gut und Böse sich Gott gehorsam zuwendet.
 
Die Maßstäbe des Gehorsams
Um sich richtig entscheiden zu können, braucht der Christ Maßstäbe. Diese Maßstäbe setzt Gott, indem er seinen Willen kundtut.

Der Wille Gottes ist knapp und einprägsam dargelegt in den Zehn Geboten. Christus hat sie zusammengefaßt im Doppelgebot der Liebe (Liebe zu Gott und zum Nächsten). Der Christ erkennt anhand der Zehn Gebote:

Wahre Erfüllung der Gebote ist nicht Leistung des Menschen, mit der er sich die Liebe Gottes erkaufen oder die er gegen seine Übertretungen aufrechnen könnte. Sie ist vielmehr Frucht und Folge dessen, daß der Mensch die Liebe Gottes in Christus erfahren hat und im Glauben täglich neu ergreift. Gott will diese Frucht des Glaubens; wir sollen seine Liebe zu uns erwidern, indem wir ihm in Liebe gehorsam sind und dies auch in der Liebe zum Nächsten praktisch erweisen.

Dabei ist jeder Christ in seinem Gewissen an Gott gebunden und in seinem Handeln Gott verantwortlich. Niemand kann ihm die nötigen Entscheidungen abnehmen, auch die Kirche nicht. Sie kann ihm jedoch in der Weise helfen, daß sie sein Gewissen an Gottes Gebot schärft und ihm die unbegreifliche Liebe unseres Herrn Jesus Christus in ihrer Verkündigung vor Augen hält und austeilt. Diese Liebe ermutigt ihn zu dankbarem Gehorsam.
 
2. Der Christ in der Entscheidung
 
Christ und Staat
Der Christ respektiert und unterstützt die Ordnung des Staates, in dem er lebt. Das gilt, solange dieser Staat das Wohl aller im Auge hat, das Gute fördert und das Böse straft. Die Aufgabe, die Gott dem Staat stellt, erfordert nicht eine bestimmte, alleingültige Staatsform. Es gibt keinen "christlichen" Staat und keine "christliche" Staatsform. Der Christ ist nicht als solcher "staatsfromm". Wo der Staat Unrecht tut, fordert oder zuläßt, ist der Christ verpflichtet, mit den ihm zur Verfügung stehenden legalen Mitteln auf Änderung hinzuarbeiten. Wo das nicht möglich ist, muß er den Gehorsam verweigern und sich z. B. für den Nächsten einsetzen, dem Unrecht geschieht.
 
Christ und Gesetzgebung
Bevor der Christ sein Handeln an den staatlichen Gesetzen ausrichtet, soll er prüfen, ob diese mit den Geboten Gottes im Einklang stehen. Was ein staatliches Gesetz erlaubt, ist damit noch nicht vor Gott erlaubt, sondern kann großes Unrecht sein (z. B. Ehescheidung, Abtreibung). Hier gilt für den Christen: "Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen" (Apg. 5, 29).
 
Christ und Wirtschaft
Die Wirtschaftsordnung einer Gesellschaft hat dem Gemeinwohl zu dienen, nicht den Interessen einzelner. Der Christ soll sich für "der Stadt Bestes" (Jer. 29,7) einsetzen. Er darf die ihm gebotenen Möglichkeiten nicht eigensüchtig ausnützen, sondern hat dafür einzutreten, daß auch der Nächste zu seinem Recht kommt und sich entfalten kann.
 
Christ und Politik
Ähnliches gilt für die Politik. Ein Christ soll prüfen, was Politiker und Parteien ihm anbieten.Er wird diejenige Politik unterstützen, die ihm geeignet erscheint, die göttlichen Ordnungen zu bewahren und das Wohl der Mitmenschen zu fördern. Er wird sich ohne Furcht vor Nachteilen gegen solche Entscheidungen und Maßnahmen wenden, die der Ordnung Gottes widerstreben. Dabei soll er sich allerdings vor Verunglimpfungen anderer und böswilligen Unterstellungen hüten.
 
Christ und Gewalt
Der Christ darf niemals zum eigenen Vorteil Gewalt anwenden. Er wird jedoch das Recht und die Pflicht der befugten Organe (Polizei, Justiz) achten, Recht und Ordnung notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Von daher kann er auch dem Wehrdienst seine Berechtigung nicht absprechen, insofern dieser dazu dient, das Volk vor feindlichem Angriff zu schützen und Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit zu erhalten oder wiederherzustellen. Den Wehrdienst aus selbstsüchtigen Gründen zu verweigern, ist ihm verwehrt; er soll aber den Wehrdienst dann verweigern, wenn ihm sein an Gott gebundenes Gewissen dies gebietet.
 
Christ und Beruf
Gott will, daß der Mensch arbeitet. Der Beruf soll für den Christen mehr sein als nur notwendiges Mittel, sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben. Der Christ nutzt im Beruf seine Gaben und Fähigkeiten, um dem Nächsten zu dienen. Er sieht seinen Arbeitsplatz als Standort, an dem er sein Christsein in der Beziehung zu anderen Menschen bewährt.
 
Der Christ in Ehe und Familie
Ehe und Familie sind für den Christen Ordnungen Gottes, in die er verantwortlich hineingestellt ist. In ihnen kann er in unmittelbarer Weise die opferbereite, vergebende und heilende Liebe weitergeben, die er selbst von Gott empfängt. Der Christ achtet es, daß Gottes Wort die geschlechtliche Liebe in die Ordnung der Ehe einbettet. Er meidet Ehebruch und Ehescheidung, weil sie dem Willen Gottes widersprechen.

Er soll bereit sein, Schwierigkeiten und Leiden auf sich zu nehmen als das Kreuz, das er Christus nachträgt. Nur im äußersten Falle kann die Trennung von Ehepartnern verantwortet werden, nämlich um größeres Unheil zu verhüten. Dabei bleibt Gottes Wille bestehen, daß eine Ehe auf Lebenszeit geschlossen ist.

Dem Auftrag Gottes, innerhalb der Ehe Leben weiterzugeben, darf sich der Christ nicht aus egoistischen Gründen entziehen.

Einer Tötung ungeborenen Lebens wird er um des Gebotes Gottes willen nicht zustimmen, es sei denn, daß ihm bei Gefährdung des Lebens der Mutter keine andere Wahl bleibt. Was der Staat zuläßt, ist damit noch nicht von Gott freigestellt. Wer auf Ehe und Familie verzichten muß oder freiwillig verzichtet, soll sich fragen, ob er die ' Erfüllung seines Lebens darin finden kann, frei für den Dienst an Menschen zu sein, die seiner Hilfe bedürfen.
 
Vergebung
Der Christ weiß, daß er im Kampf gegen die Sünde ohne Gottes Hilfe und ohne den fortwährenden Zuspruch der Vergebung nicht bestehen kann. Darum wird er nicht auf andere herabsehen, die – wie er selbst – vor Gott versagen. Er wird für sich und für seinen Nächsten um Gottes Erbarmen beten und selbst immer wieder zur Vergebung bereit sein.
 
3. Der Christ in der Gemeinde
Der Christ ist durch seine Taufe mit Christus verbunden und als Glied in den Leib Christi eingefügt. Darum wird sein Leben in der Nachfolge Christi immer ein Leben in der Gemeinde des Herrn sein. Dazu gehört,

Über dem Leben des Christen steht, was Luther klassisch formuliert hat: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." Er lebt aus der Liebe Christi; sie bewegt und stärkt ihn, dankbar Gott und den Nächsten zu lieben.

Von seiner Taufe an soll und darf ein Christ sich täglich neu Gott zuwenden:

aus: Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK), Eine Informationsschrift, 4. Auflage 1995, Seiten 49 bis 55. Als Buch zu beziehen über die Kirchenleitung der SELK.