Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. Johannes 15,13

 

Liebe Leserinnen und Leser!

„Denn niemals gab es ein so herbes Los, als Julias und ihres Romeos.“

So die weltberühmten Schlussworte eines Dramas, das die Menschen immer wieder fasziniert hat. Die Geschichte einer Liebe, eine Tragödie, weil am Ende der Tod steht. Aber dennoch: Romeo und Julia ist die Liebesgeschichte schlechthin.

Ein Balkon in Verona, zwei verfeindete Familien, die Capulets und die Montagues, und zwei junge Menschen, die sich lieben, über den Zwist ihrer Familien hinweg. Zwei Menschen, die sich nicht verlieren wollen, weil sie sich nicht verlieren dürfen. Zwei Menschen, deren bloße Namen uns mit Liebe anstecken. Die Voraussetzungen für die beiden sind nicht gut, aber das vergessen die zwei auf und unter dem Balkon.

Es war Liebe auf den ersten Blick, aber den beiden ist nur eine kurze gemeinsame Zeit beschert, zumal Julia anderweitig verheiratet werden soll. Um aber mit ihrem Romeo zusammen sein zu können, verabreicht ihr der Geistliche Lorenzo einen Schlaftrank,  der ihren Tod vortäuschen soll, um hernach mit Romeo zusammen sein zu können.

Weil Romeo nicht informiert werden kann und ihm der vermeintliche Tod seiner Geliebten  zu Ohren  kommt, glaubt er tatsächlich die tote Julia vor sich zu haben und trinkt ein Gift. Als Julia dann erwacht  und den toten  Romeo erblickt, nimmt sie sich selbst verzweifelt das Leben.

Auch wenn Shakespeare den Balkon in seinem Drama nicht erwähnt, sondern lediglich von einem Fenster und einem Garten spricht, ist jener Hof unter dem Balkon an der Casa di Giulietta in Verona zur Pilgerstätte aller Liebenden geworden. Einmal selbst auf den Balkon zu treten, um nachzuempfinden, was Julia empfand. An den Wänden haben sich Verliebte verewigt, ihre Namen hingeschrieben oder Briefe abgelegt in der Hoffnung, Anteil an den Liebenden schlechthin zu gewinnen. Und das, ob- wohl die Tragik und die Kürze der Liebesgeschichte bekannt sind.

Liebe und ihre Bedeutung, ihre Tiefe und Intensität scheint sich nicht in Jahren aufrechnen zu lassen. Das kann man spüren, wenn man unter dem Balkon steht und die Verse Shakespeares in den Ohren hat.

Wenn auch nicht ganz so romantisch, so doch nicht weniger dramatisch ist die Geschichte Jesu in diesen Tagen; und nicht weniger tief die Liebe, die aus ihr spricht. Nicht nach Verona pilgert er, sondern nach Jerusalem.

Romeo kann nicht ohne seine Julia, Jesus kann nicht ohne seine Freunde, er kann nicht ohne die Menschen; deshalb statuiert er ein Exempel. Er muss nicht einmal Gift nehmen, er lässt einfach der Welt, die tatsächlich nicht auf Liebe eingestellt ist, ihren Lauf. Sein Los dürfte noch herber gewesen sein als das von Romeo.

Aber auch bei Jesus gilt: Liebe ist nicht „mal so, mal so“, Liebe ist nicht: Am Ende steht der Tod, doch in Jesu Tod stirbt die Liebe nicht, sondern sie zieht aus, die Welt zu erobern. Für ihn war stets die Liebe das leitende Motiv seines Redens und Handelns und seiner Hingabe für uns Menschen. Das Kreuz, das Jesus auf sich nahm, bedeutet für uns Heil und Rettung. Das Kreuz, an dem er gestorben ist, hat auch unseren eigenen Tod besiegt.

Wir sind eingeladen in dieser Passionszeit, einmal selbst  gedanklich unter das Kreuz zu treten, um nachzuempfinden, was Jesus  empfand. Dort hinzuschauen, wo Gott in unserer Taufe unsere  Namen hingeschrieben und verewigt hat mit der Zusage, dass wir Anteil an „dem“ Liebenden schlechthin gewinnen.

Denn Liebe ist nicht nur in Verona unter dem Balkon, Liebe ist vor allem auf Golgatha unter dem Kreuz. Als Jesus dann am Ostertag erwacht, da ist nicht Verzweiflung angesagt, sondern da öffnet sich die Tür zum Leben, das Gott sei Dank weit über den Tod hinausgeht.

 

Mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen,
Michael Hüstebeck, Pfarrer