Nicht Kanal, sondern Schale

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“
(Matthäus 11,28)

 

Liebe Leserinnen und Leser!

Im Kloster Maulbronn gibt es einen alten Brunnen.
Tag und Nacht fließt dort Wasser von einer Schale in die nächste.
Leise. Beständig. Ruhig.

Wer davorsteht, spürt etwas von der Kraft dieses Ortes.
Das Wasser drängt nicht.
Es fließt einfach.
Die obere Schale wird gefüllt.
Und erst wenn sie überfließt, gibt sie weiter an die nächste.

Dieser Brunnen erinnert mich an viele Menschen unserer Zeit.

An Menschen, die müde geworden sind.
Die tragen und leisten und funktionieren.
Die für andere da sind.
Die Verantwortung übernehmen.
Und irgendwann merken:
Die Kraft reicht kaum noch.

Manche leben wie ein Kanal.
Immer weitergeben.
Immer verfügbar sein.
Immer stark bleiben müssen.
Aber ein Kanal transportiert nur Wasser.
Er behält selbst nichts.

Der mittelalterliche Mönch Bernhard von Clairvaux schrieb einmal:

„Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal.“

Eine Schale darf sich erst einmal füllen lassen.
Sie muss nicht ständig aus sich selbst heraus geben.
Sie empfängt.
Und erst wenn sie gefüllt ist, fließt sie über.

Vielleicht liegt genau darin ein Geheimnis des Glaubens.

Jesus sagt nicht:
„Kommt her zu mir, wenn ihr wieder stark seid.“
Er sagt:
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid.“

Das ist keine neue Forderung.
Es ist eine Einladung zum Aufatmen.

Viele Menschen tragen Lasten mit sich herum, die niemand sieht:
Sorgen um die Familie.
Einsamkeit.
Krankheit.
Enttäuschungen.
Überforderung.
Oder einfach diese tiefe Müdigkeit der Seele.

Und manchmal versuchen wir, diese Leere immer weiter mit eigener Kraft auszugleichen.
Doch die Seele lebt nicht von Anstrengung allein.
Sie braucht eine Quelle.

Darum ist Glaube nicht zuerst Leistung.
Glaube bedeutet: sich immer wieder füllen lassen.

Mit Hoffnung.
Mit Trost.
Mit Vergebung.
Mit der Liebe Christi.

Vielleicht besteht Glauben manchmal genau darin:
Nicht alles tragen zu können –
und trotzdem getragen zu werden.

Jesus Christus ist eine solche Quelle der Kraft.
Keine Quelle, die nur für die Starken fließt.
Sondern gerade für die Müden.
Für die Beladenen.
Für Menschen, die nicht mehr weiterwissen.

Wer aus dieser Quelle lebt, dessen Leben muss nicht austrocknen.
Und vielleicht geschieht dann irgendwann ganz leise etwas Wunderbares:
Dass ein Mensch, der selbst getröstet wurde, auch anderen Trost schenken kann.
Dass einer, der Liebe empfangen hat, Liebe weitergibt.
Nicht aus Zwang.
Sondern aus der Fülle.

Darum müssen wir nicht wie Kanäle leben, die sich ständig verausgaben.
Wir dürfen Schalen sein.

Schalen, die sich immer neu von Gott füllen lassen.
Und die gerade darin zur Quelle des Segens für andere werden.

Ihr

Michael Hüstebeck, Pfarrer